Die Pendragon Suche

Von Martin Pilkington, GB

Dan Brown, Joanne K. Rowling und John Ronald Reuel Tolkien haben als Bestsellerautoren eins gemeinsam: Ihre Bücher speisen sich aus dem unterirdischen Strom der Artussage. Wie die Milchstraße erstreckt sich die Artussage quer durchs Panorama der Zeiten und hinterlässt in den letzten fünfzehnhundert Jahren eine leuchtende Spur, und, wie obige Autoren bewiesen haben, kann der unsterbliche Zauber dieser Sagenwelt die Aufmerksamkeit der Hörer und Leser fesseln, solange Menschen Geschichten erzählen.

Viele Bestandteile der Artussage erscheinen in verschiedener Gestalt, verhüllt durch unterschiedliche Äußerlichkeiten, Merkmale und Auftretensweisen, unter der Oberfläche jedoch unveränderlich. Diese Sage spricht immer noch die menschliche Psyche mit ihren Fragen an und drückt Wahrheiten des menschlichen spirituellen Weges aus. Altes Wissen steckt in der Sage, und arkane Mysterien der menschlichen Evolution und spirituellen Möglichkeit sind darin verschlüsselt.

Die Artuslegende umgab immer Zauber und Geheimnis, insbesondere die walisischen Geschichten um Artus. Fast auf jeder Seite des Mabinogion werden Kontakte mit dem keltischen Jenseits beschrieben, in Worten und Handlungen magische und esoterische Geheimnisse ausgedrückt. Das Gralsmysterium, welches Chretien de Troyes erstmalig in christlicher Sinndeutung erblühen ließ, war viel älteren Ursprungs.

Der sogenannte walisische Gralsbecher, der Nanteosbecher. Er soll Heilkräfte tragen

Seit fast 900 Jahren ist der Gral ein Rätselobjekt, viele historische Persönlichkeiten suchten ihn, viele ehrgeizige Schriftsteller oder Alchemisten behaupteten, sein Geheimnis gelüftet zu haben.

Diesen Strom von Mythen und esoterischen Lehren haben die modernen Schreiber angezapft und Hollywood hat ihn adaptiert. Der Leser fühlt sich einem Mysterium, einem Rätsel nahe, aber trotz Film oder Roman wird eine wirkliche Antwort niemals so richtig gegeben. Mythologie ist eben auf vielfache Ebenen und Bedeutungen hin angelegt und eher mystischer Herangehensweise zugänglich. Die Parabeln der Bibel sind einfachste und klarste Beispiele für solches Wissen in allegorischem Gewand - zeitlos und unauslotbar in Weisheits- und Wahrheitsgehalt und doch leicht verständlich und zugänglich. Die Tiefe der gewonnenen Weisheit hängt von den Fähigkeiten des Hörers ab, Sinn für die Verständnisebenen zu haben. Wie Garfield Lasagne liebt, lieben die Mystiker Allegorien.

Viele Akademiker bemühten sich, den historischen Artus oder Merlin festzumachen und so den Mythos einzukorken und die Legende in einem Satz Vermutungen, Theorien oder Hypothesen einzusperren, die Artus oder Merlin einem Teil Britanniens oder Frankreichs oder anderswo zuordnen, durch Ortsnamen oder Genealogien festgenagelt.

Stonehenge

Zeiten, Orte und Feinde, die diesen beiden Charakteren zugeordnet werden, erscheinen widersprüchlich, doch der durchgehende Zug der Legenden ist die Existenz von Zauber, Mysterium und alter Weisheit. Die mysteriöse Natur Britanniens war in dem Augenblick von den antiken Schriftstellern anerkannt, als die Römer ankamen und das Land als den Wohnsitz der sagenhaften Hyperboreer identifizierten, bei denen nach griechischem Glauben Apoll den Winter verbringt. Stonehenge steht als bekanntestes Beispiel für dieses Erbe, und Merlins mythische Rolle als Stonehenges Erbauer setzt ihn Imhotep gleich, dem Pyramidenbaumeister des alten Ägypten.

Das Überleben und die Entwicklung alten Wissens ägyptischer, griechischer und jüdischer Mysterien in esoterischen Schulen von Pythagoras bis zu den Freimaurern ist in vielen Texten dokumentiert.

Freimaurerische Symbolik auf der US-Dollarnote

Diese Texte dokumentieren, dass eine Kette von Schulen große Geheimnisse transportiert hat, die aus alten und aktuellen Kenntnissen schöpften, um die Techniken spiritueller Entwicklung von einer Generation zur nächsten weiterzureichen. Die etablierten Religionen haben solche Schulen über die Jahr hunderte unterdrückt oder gefördert. Ein fundamentaler Grundsatz spirituellen Wachstums, der so tradiert wurde, ist der der persönlichen Entwicklung, zusammengefasst in dem Imperativ: „Kenne dich selbst“.

Die moderne Anthropologie versteht das Wesen der Evolution darwinistisch, diesem theoretischen Strom treten in westlichen Gesellschaften kreationistische Ansichten polarisierend entgegen. Man sollte annehmen, dass verwurzelte Sichtweisen, wissenschaftliche oder religiöse, Grundlage für endlose Debatten liefern; indes gibt es einen dritten Weg.

Die Geschichte des Grals erklärt uns die menschliche Evolution als das Streben des menschlichen Funkens, zu seinen Ursprüngen zurückzukehren. Der Mensch hat einen spirituellen Kern, der das körperliche Gefährt belebt, und dieser Funke hat, abgesehen von jüngsten atheistischen Entwicklungen, die menschlichen Gesellschaften dazu bewegt, sich einen Schöpfer hinter dem Universum vorzustellen und einen definitiven Sinn im menschlichen Leben. Die Gralssuche ermöglicht dem Menschen spirituellen Fortschritt, und die Suche nach Wahrheit und Weisheit erscheint als natürlicher Zweck des menschlichen Lebens. Dass wenige den Gral erfahren, aber viele ihn suchen, spiegelt die Ökonomie der Natur, und die zyklische Alternative zur Gralsfindung, die Reinkarnation, war frühen christlichen Gnostikern so geläufig wie allen östlichen Religionen. Recycling ist älter, als es den Grünen Europas erscheint.

Castel Coch, Wales, eine moderne Gralsburg

Die Artusgeschichten fangen die spirituelle Suche ein, und der Schlüssel ist die esoterische Schule um Artus, auf die Geoffrey von Monmouth und andere Schreiber hinweisen. Ein philosophischer und esoterischer Kreis um den König war ein übliches Charakteristikum keltischen Königtums. Geoffrey von Monmouth, mittelalterliches Dan-Brown-Äquivalent, benutzt in seiner pseudohistorischen „Geschichte der Könige Britanniens“ (Historia Regum Britanniae) einen interessanten Quellenverweis auf eine platonische Handschrift „De Deo Socrati“. Dieser Bestseller beim normannischen Adel machte Artus bekannt, jedoch ist der Hinweis auf das platonische Werk in einem Klima mittelalterlichen ekklesiastischen Dogmas außergewöhnlich, da es Leitfaden für die spirituellen Welten und ihrer Wirksamkeit außerhalb eines christlichen Kontextesanbietet. Die Kirche tolerierte den Geoffrey folgenden Gralszyklus, dieser aber legte die Verantwortung für spirituelles Wachstum klar in die Hände des Individuums, nicht in die der Kirchenhierarchie.

Aus der Sicht des Mittelalters, die sich im Gralszyklus spiegelte, war Evolution auf die Vereinigung mit Gott gerichtet durch spirituelle Suche, die den Sucher läuterte und vergeistigte und seine religiöse und spirituelle Anatomie den Einflüssen höherer Intelligenz öffnete. Sie war mehr den gnostischen Lehren als dem Kirchendogma verwandt. In späteren Jahrhunderten nahm John Bunyans „The Pilgrim‘s Progress“ (Pilgerreise zur seligen Ewigkeit) das Motiv der Suche wieder auf in einer weniger verschleierten allegorischen Handlung; der Eintritt des Pilgers ins Himmelreich spiegelt Galahads erfolgreiche Gralssuche wider.

Eine mittelalterliche walisische Burg

Die Entwicklung moralischer und spiritueller Werte, der Kampf gegen die Fallstricke der Sinne und der Versuch sich würdig zu erweisen sind wiederkehrende Themen, die die Suche kennzeichnen. Die lebenslange Entwicklungsreise spiegelt sich in einer Reihe Artusgeschichten wider, wo das Licht der Dunkelheit gegenüber steht und triumphiert.

Genauere Beobachtungen lassen erkennen, dass gesellschaftliche und individuelle Entwicklungen von den Artussagen beeinflusst worden sind. Die Vereinten Staaten von Amerika wurden als englischsprachige Nation von John Dee und dem Kartographen Mercator politisch unterstützt. Um einer päpstlichen Erklärung, dass alle Amerikas Spanien und Portugal gehörten, zu widersprechen, versorgten sie Elisabeth I. von England mit einem ‚historischen’ Dossier, wonach Artus nach Neufundland gesegelt war und so einen älteren Anspruch Englands auf die Amerikas begründet hatte. Durch die Jahrhunderte behaupteten viele englische Könige, darunter auch der vielleicht wichtigste, Wilhelm der Eroberer, Abkömmlinge von Artus zu sein, als Teil der Legitimierung ihres Thronanspruchs.

Pendragon war für die frühen Briten, die ihre Heimat verteidigen wollten, nachdem die Römer 410 n. Chr. abgezogen waren, der Name des Anführers im Krieg. Er bedeutet ‚großer Führer’ und beinhaltet eine Kombination von Köpfchen und Muskeln. Die Herkunft des ‚dragon‘ (=Drache) ist unsicher, doch einige Forscher behaupten, dass seine Ursprünge in Persien liegen. Das Fabeltier zog dann nach China, von dort wanderte es mit den Stämmen der Völkerwanderung durch die Steppen bis an die Ostgrenze des Römischen Reiches. Schließlich erreichte es Wales, wo es noch heute auf der walisischen Flagge weht.

Walisische Flagge

Die Vorstellung großer Führerschaft in Zeiten der Krise ist ein immer wiederkehrendes Thema und die messianische Natur dieser Rolle lebt in der Vorstellung von Artus als dem ‚damaligen und zukünftigen König’ fort, der schläft bis er wieder gebraucht wird. Dieser Warten heroischer Figuren in einem zeitlosen Jenseits kommt in vielen Ländern vor. Es erinnert uns in allen Kulturen daran, dass es die Rolle und Funktion eines solchen Heroen ist, das Volk zu vereinen und in eine neue und erhebende Zukunft zu führen.

Die Menschheit blickt jetzt auf eine leuchtende neue Epoche, wo das Beste des Alten sich mit neuen Einflüssen verbinden will, die menschliche Rasse fortzuentwickeln. Solcher Art ist die Stunde. Ein neues Zeitalter dämmert, und die Menschheit sieht sich vor die Entscheidung gestellt, ob sie den materiellen oder spirituellen Fortschritt suchen will. Wir alle, gleichgültig welchem Land, Geschlecht oder kulturellem Hintergrund wir angehören, mögen nach dem Wahren und der Menschheit Förderlichem trachten. Das nächste Stadium des Kampfes aber wird sein, den vermehrten Übergriffen des verlockenden Materialismus zu widerstehen und das Recht auf persönliches Schicksal, auf Suche geltend zu machen, wie die alten Ritter für spirituelle Evolution einzustehen, für den wahren Gral einer erleuchteten individuellen und gemeinsamen Zukunft.

Zum Autor

Martin Pilkington schreibt gegenwärtig ein Buch über Artus, Merlin und Mythologie. Er lebt in Ceridigion in Westwales. Für Aktivitäten und Veranstaltungen, dieses Interessensgebiet betreffend, schauen Sie auf seiner Website nach: www.pendragoninterest.com.

top of page
Copyright 2001-2018 Topaz Verein, 57639 Udert/Rodenbach. Alle Rechte vorbehalten.

Diese Seite wird gedruckt am 14.12.2018
von http://templatenetwork.org/topaz/16/de/14.html

Anschrift der Redaktion:

Topaz
Holunderweg 4
57639 Udert
Tel.: 02684 - 977675
Fax: 02684 - 977676
E-Mail Adresse: info@template-netzwerk.de