Lebenskunst

Von Gabi Weigl, Deutschland

Was ist eigentlich Lebenskunst, und was ist dann ein Lebenskünstler?

Sucht man nach einer Definition von Lebenskunst, so findet man einzig in der Online-Enzyklopädie Wikipedia einen Eintrag: „Lebenskunst ist ein in vielen Facetten schillernder und anscheinend so schwer zu fassender Begriff, dass z.B. der Duden zwar den ‚Lebenskünstler’ als Wort führt, nicht aber die ‚Lebenskunst’.“

Wie kann man also zu einem Verständnis von Lebenskunst kommen? Ist Lebenskunst etwas, das jedem Menschen zuteil ist, einfach weil er lebt? Oder ist Lebenskunst eine besondere Qualität, die das Leben bereichert und in besonderer Art und Weise auszeichnet?

Schauen wir uns doch einfach einmal einen Künstler an, wenn wir erfassen wollen, was Lebenskunst ist. Ein Künstler ist der Schöpfer eines Kunstwerks, zum Beispiel ein Maler, der ein Bild malt. Er bestimmt das Motiv, er wählt die Farben und entscheidet über die Farbtechnik, ob Öl, Aquarell, Kreide oder Ähnliches. Er überlegt sich, welchen Zweck sein Bild haben und was es beim Betrachter auslösen soll. Und er ist inspiriert von seiner Arbeit.

Übertragen wir das auf die Kunst des Lebens, so ist jeder Mensch der Künstler, Schöpfer, Virtuose seines Lebens, der sein Leben malt und gestaltet, so dass am Ende ein einzigartiges Gemälde entsteht, mit einem einzigartigen Motiv, individuellen Farben. Manche Bilder sind hell, manche dunkel, manche sind in warmen, manche in kühlen Tönen gemalt, einige sind ganz bunt und andere besitzen einen vorherrschenden Grundton.

Was bedeutet das? Wenn ich mein Leben gestalten will, muss ich mir überlegen, wie das Bild meines Lebens aussehen soll. Was will ich darin ausdrücken? Welche Grundtöne sollen vorherrschen? Welchen Sinn soll mein Leben eigentlich haben? Sind Gedanken und Qualitäten die Farben und Muster, aus denen das Gemälde des Lebens besteht? Aus welchen Gedanken, guten Eigenschaften, Werten und Qualitäten baut sich mein Leben auf? Von was lasse ich mich inspirieren? Und wem gebe ich Ausdruck? Mache ich einen Entwurf oder nicht? Und wenn ja, ziehe ich diesen Entwurf durch?

Manchmal geschehen kleine Dinge, die man nicht vergisst. Vor einiger Zeit habe ich die folgende Begebenheit erlebt: Ich erhielt die Nachricht, dass ein junger Mann aus der Familie meines Schwagers in Südfrankreich tödlich verunglückt war. Seine Mutter hatte in der letzten Zeit andere Schicksalsschläge erlitten und meine Gedanken kreisten darum, wie man ihr helfen könne. Ich beschloss, ihr am nächsten Tag einen Brief zu schreiben. Da wir uns nicht so gut kannten und sie zu weit weg entfernt wohnte, schien mir das am angebrachtesten. Den ganzen nächsten Tag über ließ mich die Angelegenheit nicht los. In mir brannte die Frage: Trost, Trösten, Trostspenden: Was ist das genau und wie kann man das wirklich machen? Während der Arbeit schweiften meine Gedanken immer zu dieser Frage ab. Ich suchte eine schöne Beileidskarte und stieß dabei auf einen passenden Spruch. Auf dem Heimweg von der Arbeit fiel mir auf dem Gehsteig ein Blatt in die Augen, das ungewöhnlich bunt für die Jahreszeit war. Es schien mir zu sagen, dass es in den Brief hineinwollte, und so nahm ich es mit.

Am Abend nahm ich mir Zeit und verfasste mit Hilfe des Französischlexikons einen Brief, allerdings schrieb ich nur die wenigen Zeilen, die man in Beileidsbriefen so schreibt, sehr einfache Worte.

Ein paar Tage später erhielt ich einen Anruf aus Frankreich. Die Karte sei angekommen, vielen herzlichen Dank, sie sei ja so schön und stünde jetzt auf dem Kamin, und das bunte Blatt wäre auch so toll, denn der Verstorbene hätte Bäume so geliebt (was ich gar nicht gewusst hatte, aber anscheinend hatte ich intuitiv auf das Blatt reagiert). Und dann, ein paar Wochen später, sprach mich mein Bruder auf den Brief an. Er müsse einen Beileidsbrief schreiben und es habe sich herumgesprochen, dass ich so einen tollen Brief geschrieben habe mit einem so schönen Spruch, ob ich ihm nicht helfen könne etc.

Da musste ich auf einmal innehalten: Die Karte war eine ganz normale Karte, wie man sie in jedem Schreibwarengeschäft findet, und meine wenigen französischen Zeilen waren wirklich nichts Besonderes gewesen. Aber warum räumt der Empfänger dem Brief einen Platz auf dem Kamin ein und ruft extra aus Südfrankreich an, warum spricht sich der Brief in der Verwandtschaft herum? War es vielleicht, weil dieser Brief aus tiefem Herzen kam, weil ich mich intensiv mit Trost auseinandergesetzt hatte, weil ich wirklich mit diesem Brief ein Stückchen Trost versenden wollte? Und hatte der Empfänger dies gespürt? War ein Stückchen Trost mit diesem Brief übermittelt worden?

Für mich war der Tag, an dem ich den Brief geschrieben habe, im Nachhinein immer etwas Besonderes, nicht wegen der Reaktion der anderen, sondern weil ich das Gefühl habe, durch diesen Prozess der Suche nach Trost bereichert worden zu sein und der Qualität des Trostspendens näher gekommen zu sein.

Die Suche nach Verbindung zu feinen, hohen Dingen, zu guten Eigenschaften, Qualitäten, die Beschäftigung damit – gehört das vielleicht zur Lebenskunst?

Wie gehe ich dann mit meinem Leben um? Und wie bereichere ich bewusst mein Leben? Wie integriere ich Schönheit, Bewusstheit, Mitgefühl, Fürsorge, Achtung vor meiner Mitwelt etc. in mein Leben? Bereichert mich alleine schon die Tatsache, dass mir mit jedem Morgen ein neuer Tag geschenkt wird? Oder nehme ich es als gegeben hin und lasse mich nicht davon berühren? Wie steht es überhaupt mit meiner Dankbarkeit? Bin ich dankbar für die Tatsache, dass mir ein Leben geschenkt wurde und dass es weitergeht, jeden Tag? Gebe ich mir bewusst Zeit für besondere Momente? Beispielsweise einen Tautropfen ein paar Minuten lang bewusst zu beobachten oder den Flug eines Schmetterlings? Was haben diese Dinge mit meinem Leben zu tun, wenn es stimmt, dass alle Dinge miteinander verbunden sind? Wie denke ich über die wunderbare Harmonie der Schöpfung, in der Strukturen mit mathematischer Genauigkeit wieder und wieder entworfen werden?

Möglichkeiten, mehr Qualitäten in mein Leben zu integrieren, gibt es unzählige. Wenn man z.B. mehr Freude im Leben haben möchte, könnte man jeden Morgen im Bad einen kleinen Freudentanz aufführen als Begrüßung für den neuen Tag. Einfach mal ausprobieren – warum sollte man seinen Tag nicht freudig beginnen? Oder man hinterlässt ein 50 Cent-Stück auf einem Spielplatz, so dass es ein Kind findet und sich riesig darüber freut, denn 50 Cent sind viel für ein Kind – und schwups, schon herrscht ein bisschen mehr Freude in der Welt. Ich könnte aber auch jeden Menschen, mit dem ich zu tun habe, so begegnen, als ob ich ihn das erste Mal sehe, unvoreingenommen, frisch und mit neuen Augen. Und mich an seiner Einzigartigkeit freuen, denn wie sähe die Welt aus, wenn wir alle gleich wären?

Und so kann es weitergehen. Wichtig erscheint mir im Bezug zu Lebenskunst eine Offenheit gegenüber dem Neuen, nicht das Leben und die Umwelt als gegeben anzunehmen, sondern als Möglichkeit zur Entdeckung, zum Machen neuer Beobachtungen und zum Knüpfen von Verständnissen.

Letztendlich besteht die Kunst darin, wie ich mein Leben lebe und wie ich mein eigenes Lebensbild gestalte.

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