Identität und Lebensalter

von Josina van Schaik, Niederlande

Jede Etappe unserer Lebensreise prägt unsere Identität auf eigene Art und Weise. Einiges erfolgt automatisch, weil es z.B. durch unsere Gene oder durch unser Geschlecht festgelegt ist. Shakespeare hat das in dem Monolog „Die sieben Lebensalter des Menschen“, in dem die Reise vom Säugling zum Greis beschrieben wird, drastisch karikierend vorgeführt. Neue Möglichkeiten des Wachstums werden in jedem Lebensalter für die nächste Phase grundgelegt; dabei müssen Krisenzeiten, wie Pubertät, Midlife-Crisis oder Wechseljahre, bewältigt werden.

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Diese Lebensalter sind im Bauplan unseres Lebens als Mittel und Werkzeug vorgesehen, mit dem wir Identitäten selbst wählen, schaffen und bewusst gestalten. Solche bewusst geschaffenen Identitäten entwickeln und verändern sich chamäleonartig und erschließen ein Kaleidoskop von Möglichkeiten. Die Identität unseres Geschlechts z.B. ändert sich ein Leben lang nicht. Andere Identitäten wachsen, sterben ab und schwinden. Während wir unsere Identitäten formen und Charakter und Charisma entwickeln, um unser Lebensspiel zu spielen, erschließen sich uns immer neue Möglichkeiten, weil wir immer geschickter neue Lebenserfahrungen nutzbar machen.

Um das zu leisten, müssen wir die Kunst entwickeln, beweglich und offen zu bleiben, damit wir jenseits unserer notwendigen täglichen Routinen ein Leben leben können, das auf die Zukunft eingestimmt ist, das nach Neuem, nach Alternativen Ausschau hält, ein Leben, in dem die verborgenen und schlafenden Fähigkeiten und Verbindungen geweckt werden, die im Bauplan eines jeden Menschen angelegt sind.

Die Identitäten, die wir in der ersten Hälfte unseres Lebens ausbilden, nutzen wir, um eine Familie zu gründen, Karriere zu machen, Sport zu treiben usw. Aber was passiert, wenn wir älter werden und nicht mehr das Feuer der Jugend in uns brennt? Womit identifizieren sich die Älteren?

Für viele Menschen ist Altwerden ein unattraktives Verkümmern, eine Lebensperiode, mit der man lieber nicht konfrontiert wird. Topaz sprach mit älteren Menschen aus verschiedenen Ländern, und ihre Antworten liefern uns ein ganz anderes Bild, heller und leuchtender. Sie zeigen, was das Alter sein kann, wenn man es schafft, jenseits der Einschränkungen und Anforderungen von Gesellschaft und Wirtschaft ein sinnvolles Leben zu leben und so Identitäten formt, die den Zwecken des Lebens entsprechen.

Im Auf und Ab des Lebens kann das Alter mit der Ebbe verglichen werden, dem Verebben in einen anderen Seinszustand. Wenn man am Strand die Ebbe beobachtet, sieht man, wie sich das Wasser zurückzieht, aber woanders steigt die Flut. Ja, unser Körper vergeht, aber das Leben, das in ihm wohnt, sammelt reifende Weisheiten und entwickelt sich weiter. Die Reise des Lebens von der Empfängnis bis zum Tod ist wie das Wachsen einer Pflanze. Zuerst sprießt der Samen, dann wächst der Stängel, und schließlich öffnet sich die Blüte. Und die Blüte bringt neuen Samen hervor. Die Ebbezeit im Leben ist die Blüte, alles Vorhergehende dient dieser Zeit.

Es wird gesagt, dass der Geist niemals alt wird. Der Witz und die Lebensfreude, die Topaz bei älteren, spirituell ausgerichteten Menschen angetroffen hat, bestätigt das und legt Zeugnis davon ab, dass das Leben eine wachsende Gelegenheit ist, aus unserem halbbewussten Schlaf aufzuwachen, um das Eigentliche zu erfahren. Jüngeren Menschen kann das die beruhigende Erkenntnis vermitteln, dass das ganze Leben aufregend und erhebend sein kann, dass es auch dann ein blühendes Leben sein kann, wenn äußerliche Identitäten wegfallen. Es zeigt sich auch, dass das bei jedem anders aussieht, weil es keine zwei gleichen Menschen gibt und jeder allein seine Entscheidungen trifft. So baut jede Lebenserfahrung eine Kristallstruktur, die eindeutig identifizierbar und nicht zu ersetzen ist.

Auf den folgenden Seiten finden Sie Interviews mit älteren Menschen aus verschiedenen Ländern Europas und aus Israel.

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