Identität in der Geschichte

Von Rolf Christoffersen, Dänemark

Das machtvolle Werkzeug Identität kann Bewegung und Veränderung bewirken, aber auch Erstarrung und Festhalten. Und es ist nur ein kleiner Schritt vom einen zum anderen. Der eine nutzt Identität so, dass er beweglich bleibt, der andere gibt sich einen Namen und erstarrt in dieser Identität.

Die Geschichte dieser Welt liefert uns manche Illustration und manche Kostbarkeit zu diesem Thema: Im Alten Ägypten gab es keinen Kult der individuellen Persönlichkeit.

Ceasar

Wenn wir Identität im Altertum untersuchen, fällt am meisten auf, dass wir die Persönlichkeit nicht finden können. Dagegen waren die Absichten und die Nachrichten der Götter, die sie an die Menschheit richteten, von entscheidender künstlerischer Wichtigkeit. In den frühesten geschichtlichen Darstellungen in Ägypten und anderswo ist die Identität der Menschen nur selten berücksichtigt. Wenn man z.B. die Statue des ägyptischen Königs Zoser (2700 vor Christus) betrachtet oder andere Portraits aus dieser Zeit, bekommt man das eindringliche unpersönliche Gefühl, von etwas anderem angesehen zu werden. Es berührt schon eigenartig, dass da nicht ein Jemand einen ansieht, sondern ein Etwas hinter der Statue. Die alten Ägypter laden uns in ein Universum ein, das ganz anders, rätselhafter ist als unsere Welt heute, tief religiös, mit anderen Ordnungen und Regeln, wo es keinen Platz gibt für Persönlichkeit. Die Identität, die in diesen uralten Kunstwerken abgebildet wird, identifiziert sich mit anderen Zeiten, anderen Orten und einer anderen Weltordnung. Das Ägyptische Totenbuch in seiner mystischen Sprache zeigt das auf vielfältige Weise. Die Farben der Särge, die Ausschmückung der Statuen, Schmuck, Symbole, Posituren, Kleiderkodex sollen eine Hilfe sein, sich mit einem Lebenssinn und Lebensweg zu identifizieren, der den Göttern und einer höheren Existenz verpflichtet ist. Nur sehr schwer können wir das heute nachvollziehen, dass es im Alten Ägypten keinen Kult der individuellen Persönlichkeit gab.

Erst später in der Geschichte gibt es Porträts eindeutig identifizierbarer Personen. Oft wird der Pharao Aknaton (Amenhotep IV, 1377 – 1358 vor Christus) als die erste greifbare Persönlichkeit der Geschichte bezeichnet. Die Kunstwerke seiner Zeit bilden sein Familienleben ab, zeigen ihn als Vater und Ehemann mit Kindern und Haustieren. Nicht länger sehen wir diesen unpersönlichen Ausdruck, der den Göttern die höchste Bedeutung zuspricht. Jetzt wird uns die Persönlichkeit der Menschen gezeigt und wie sie leben. In dieser Zeit wird auch zum ersten Mal in Ägypten Lächeln und Freude dargestellt.

Erst jetzt erscheinen die großen Namen, die großartigen Persönlichkeiten, die großen Identitäten auf der Weltenbühne, und Geschichte wird mehr und mehr persönlich, von einzelnen Männern aufgeschrieben und meistens mit Männern in den Hauptrollen. Wichtig ist nicht länger, was die Ereignisse verursacht hat, sondern die Identität derer, die sie verursacht haben.

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