Identität - Womit identifiziere ich mich?

Von Anne Böhringer, Deutschland

Wer bin ich? Was bin ich? Was mache ich? Was macht mich aus? Eine Annäherung an ein spannendes Thema

„Wer bin ich, was bin ich, was mache ich hier eigentlich?“ Wir alle haben uns diese Fragen schon oftmals gestellt, und diese existenziellen Überlegungen können uns unser Leben lang begleiten. Der folgende Artikel beschäftigt sich mit den Fragen, wie definiere ich mich und womit identifiziere ich mich, und möchte dazu einfache Anregungen geben.

Wodurch kann ich identifiziert werden, wodurch definiere ich mich selbst? Wohl fast alle Menschen weisen sich zunächst einmal aus durch Angaben über Herkunft, Alter, Geschlecht sowie das Land, in dem sie groß geworden sind. Zu dieser ersten Ebene gehören also Dinge, die in unserem Personalausweis, unserer „Identification Card“ stehen. Dies sind die ersten Prägungen und Einflüsse, in die wir hineingeboren werden: unsere Umwelt, das Elternhaus, die Nation und der vorherrschende Zeitgeist bis hin zu astrologischen Einflüssen und die daraus resultierenden Denkweisen und psychischen Prägungen.

Diejenigen unter Ihnen, liebe Leser, die beruflich viel ins Ausland reisen, haben vielleicht darüber geschmunzelt oder sich gewundert, wie sehr sich im Umgang mit den Menschen dort bewahrheitet, was uns als Darstellung nationaler Eigenart z.B. in Filmen oft übertrieben vorgekommen ist. Als Individuum identifizieren wir uns im Tagesgeschehen selten mit unserer Nationalität, doch diese hat einen prägenden Einfluss auf unsere Denkweise, auf unser Grundgefühl und unsere Psyche. Unsere Nationalität beeinflusst unsere Umgangsformen, unser Sprechen und sogar zu einem guten Prozentsatz unsere Religionszugehörigkeit.

Vielleicht ging es Ihnen auch schon so: Sie treffen im Ausland an einem abgelegenen Ort einen Landsmann und Sie freuen sich und fühlen eine Verbundenheit mit einem Fremden, die Sie zu Hause so nicht spüren würden. Vielleicht entsteht sogar ein Gespräch, zu dem es in der Heimat nie gekommen wäre? In diesem Beispiel wird deutlich, womit wir uns unterschwellig identifizieren, auch wenn wir uns dessen nicht voll bewusst sind.

Womit identifizieren wir uns? Zuallererst sind es die Umstände des Lebens, in die wir hineingeboren worden sind. Solche Identifikationen können wir im Laufe unseres Lebens entweder unbewusst ausleben, oder wir entdecken und akzeptieren sie bewusst, oder wir lehnen sie ab.

Auf einer zweiten Ebene, der Ebene unseres Erwachsenseins, unseres Berufslebens, unserer Stellung in der menschlichen Gesellschaft, identifizieren wir uns ebenfalls mit vielen Dingen, die uns so selbstverständlich sind, dass wir sie kaum hinterfragen, sondern sie als normal und richtig hinnehmen. Es lohnt sich auch hier, genauer hinzusehen.

„Und was machen Sie so?“, werden wir manchmal gefragt, und wir sagen dann vielleicht: „Ich bin Mechaniker“, „Ich bin Ärztin“ oder „Ich bin Hausfrau und habe zwei Kinder“ etc. Wir antworten auf diese Frage, indem wir unsere berufliche Tätigkeit angeben.

Das stimmt natürlich, ist aber doch nicht alles. Es beschreibt doch nur unsere äußerlich sichtbare Tätigkeit, aber zum Beispiel nicht, wie wir sie ausfüllen, mit welcher inneren Einstellung wir zur Sache gehen.

Und auch hier können wir uns die Frage stellen: Wie sehr identifiziere ich mich mit meinem Beruf, ohne dies zu hinterfragen, und was ist, wenn ich diesen Beruf einmal nicht mehr ausüben kann? Wer bin ich dann? Ein ehemaliger Mechaniker? Eine ehemalige Ärztin? Lebe ich dann nur noch im Rückblick? Führen Arbeitslosigkeit, Rente oder Alter bei mir zu einer Identitätskrise, wenn ich in den Augen der Welt (und auch manchmal in meinen eigenen) nicht mehr Mechaniker oder Ärztin bin? Verliere ich dann etwas von meiner Identität, von dem, was ich früher einmal war?

Wenn wir uns nur mit den Resultaten unserer Tätigkeit im Leben identifizieren und dabei die inneren Prozesse außer Acht lassen, wodurch unsere Erfolge herrührten, dann werden wir zwangsläufig einmal etwas vermissen, weil wir nicht mehr dieselben Ergebnisse vorweisen können (z.B. weil wir in Rente sind oder unser Beruf nicht mehr gefragt ist).

Geringes Selbstwertgefühl oder Bitterkeit, Enttäuschung oder Unverständnis sind nicht selten das Resultat.

Uns was ist, wenn ich mir meinen Traumjob nicht ausgesucht habe, eine Tätigkeit notgedrungen angenommen habe oder weil es der Tradition entsprach oder die Umstände es erforderten oder weil es Anerkennung versprach?

Was bleibt vom Leben, wenn es nicht so gelaufen ist, wie man es wollte?

Nun, was davon bleibt, ist z.B. die Stärke unseres Charakters, den wir entwickelt haben. Was bleibt, das sind innere Qualitäten. Was bleibt, das sind Weisheiten und vielleicht Prinzipien, die wir im Laufe der Jahre gefunden haben. Es sind unsere Einstellungen, die bleiben.

Auch wenn wir uns zu sehr mit unserem Körper und unserem Aussehen identifizieren, kann es uns treffen. Heute, in meinen Zwanzigern, Dreißigern und Vierzigern, mag ich noch wie eine junge Blüte aussehen, körperlich attraktiv sein. Oder aber ich will anders sein als ich bin, schlanker vielleicht, besser geformt, besser da etwas mehr, dort etwas weniger. Dann mögen die Schönheitschirurgen, Modedesigner und Kaufhäuser gut an mir verdienen. Aber, wenn wir uns vorwiegend durch unserem Körper definieren, der ja genetisch eine bestimmte Prägung mitbekommen hat, auf die wir ohnehin keinen Einfluss haben, dann können wir im Alter kaum etwas anderes werden als unzufrieden und unglücklich.

Ein guter Grund, rechtzeitig umzudenken, und sein Augenmerk auch nach innen zu richten.

Wenn das Äußere vergeht, kommt sie wieder auf, die Frage: Womit identifiziere ich mich?

Vielleicht liegt hierin ein wichtiger Schlüssel zur inneren Stabilität in einer schnelllebigen und sich verändernden Zeit. Ein Schlüssel, der sich nicht ausschließlich mit dem „Was tue ich?“ beschäftigt, sondern mit dem Wie und dem Warum: „Wie mache ich etwas?“ „Mit welcher Motivation gehe ich an etwas heran?“

Es scheint ratsam, dass wir uns nicht zu sehr mit äußerlich Sichtbarem, mit Erfolgen oder Misserfolgen identifizieren, sondern mit dem, was wir gelernt haben, während wir tätig waren, mit der Qualität unserer inneren Prozesse.

Wir können dann auch feststellen, dass uns auf dieser inneren Ebene dieselben Dinge von Wert mit anderen verbinden: z.B. Einsatzbereitschaft, Flexibilität, Konzentration, Begeisterungsfähigkeit, Gründlichkeit und Ausdauer usw. Das verbindet auf menschlicher Ebene den Mechaniker mit der Ärztin und der Hausfrau, ohne dass wir alle einander gleich machen wollen. So rückt menschliches Miteinander in den Vordergrund zusammen mit der Anerkennung der Dinge in mir, mit denen zu identifizieren sich lohnt und die mir keiner nehmen kann.

Kleiner Versuch einer Anwendung im Alltagsleben

Im Folgenden sehen wir uns alltägliche Situationen an, um drei unterschiedliche innere Einstellungen dazu in uns zu entdecken, von denen an sich keine verkehrt ist, aber die sich, wenn sie aufeinander aufbauen und sich ergänzen, uns stärkere innere Sicherheit geben können. Jeder kann solche unterschiedlichen Motivationsebenen entdecken, wenn er sich bewusst wird, wie er über das denkt, was er tut. Wir wollen uns fragen, welche dieser Motivationen vorrangig ist und welche wir gerne bewusster in uns fördern möchten, um etwas zu gewinnen, mit dem zu identifizieren sich wirklich lohnt?

Arbeit

Tatsache ist: „Ich muss Geld verdienen, und mir bleibt keine andere Wahl, als zur Arbeit zu gehen.“
Ich weiß: „Auch wenn ich im Moment keine Lust habe, zur Arbeit zu gehen, erlaubt sie mir doch, meinen Lebensunterhalt zu verdienen und in der Freizeit meinen Interessen nachzugehen.“
Über die rein persönlichen Bedürfnisse hinaus: „Ich bin froh, Arbeit zu haben. Denn ich will etwas für mich und meine Familie tun und der menschlichen Gesellschaft einen ehrenhaften Beitrag leisten.“

Haushalt

Alltägliche Routine: „Ich muss jeden Tag kochen, ob ich Lust dazu habe oder nicht.“
Das kenne ich aber auch: „Essen kochen bedeutet für mich, etwas für meine Familie tun zu können.“
Und auch das: „Ich möchte grundsätzlich mein Bestes geben, auch wenn es nicht immer klappt, ob jetzt hier am Herd oder auf der Arbeit, das ist einfach meine Einstellung.“

Urlaub

Das Gefühl kenne ich gut: „Ah endlich! Raus aus allem, ich will einfach die nächsten zwei Wochen nur abschalten!“
Ich weiß aber auch: „Ich will auftanken und meinen Interessen stärker nachgehen.“
Und auch dieses Bedürfnis ist mir nicht fremd: „Ich kann die Urlaubszeit nutzen, indem ich mir bewusst Zeit reserviere, wieder einmal in mich zu gehen, zu sehen, ob alles noch stimmt in meinem Leben und wo ich innerlich vielleicht weiterkommen möchte.“

Sport

Ein ganz normaler Grund: „Ich will gut aussehen und eine gute Figur haben.“
Ein tieferer Grund: “Ich möchte in meinem Leben fit sein.”
Und kann ich nicht auch dieses Motiv in mir entdecken: „Ich nehme meine Gesundheit nicht für selbstverständlich. Leben ist etwas Wertvolles, und das will ich erhalten, indem ich vorbeuge und mich fit halte.“

Kinder

Jedem erzähle ich stolz: „Das ist mein Kind.“
Mich beschäftigt aber auch die Frage: „Wie kann ich es bestmöglich auf das Leben vorbereiten?“
Und in nachdenklichen Momenten frage ich mich: „Was ist das überhaupt, ein menschliches Leben, und kann ich da meinem Kind Hilfestellung geben?“

Neben selbstverständlichen Aspekten haben Sie vielleicht auch Ungewöhnliches entdeckt. Wenn wir unsere Aufmerksamkeit so auf uns selbst und unsere Einstellung richten, werden wir vielleicht dazu angeregt, Eigenschaften und Qualitäten in uns ernst zu nehmen, die von Dauer sind, die unserem Leben später Halt und Identität geben. Natürlich ist dies ein nie endender Prozess.

Seelische Stabilität kann in unseren schnelllebigen Zeiten nur von innen kommen, und entscheidend dabei wird sein, womit wir uns bewusst identifizieren und womit nicht.

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