Prozessorientiertes Farb- und Raumdesign

Ein Topaz-Interview mit Thomas Bexte, Westerwald

Thomas Bexte (39), Mitbegründer des Design Cells Network in Deutschland, beschäftigt sich mit Farbe und ihrer Wirkung auf den Anwender. Er entwickelt seit einigen Jahren Farbkonzeptionen für öffentliche Gebäude und Einrichtungen, für gewerbliche und private Zwecke. In gestalterischer Freiheit will er neue Ansätze der Farbgestaltung, „Freiräume“ für den Anwender schaffen.

Thomas Bexte

Topaz: „Farbe ist ein Grundbedürfnis des Menschen, ein Rohstoff wie Feuer und Wasser“, sagte der Maler Fernand Leger (1881- 1955). Das entspricht doch Ihrem Ansatz?

Thomas Bexte: Könnten Sie sich vorstellen, auch nur einen Tag lang keine farbigen Sinneseindrücke aufzunehmen? Auch wenn Sie sich eine Augenbinde aufsetzen, spricht Ihr Körper unterschwellig auf die Wirkung von Farben in der Umgebung an. Wir nehmen Farben nicht nur über unsere Augen wahr. Heute weiß man, dass es blinde Menschen gibt, die Farben direkt über die Haut erkennen können.

Topaz: Was ist Ihr Ansatzpunkt, was ist Ihre Herangehensweise bei der farblichen Gestaltung?

Thomas Bexte: Farben wirken auf den ganzen Organismus. Für unterschiedliche Tätigkeiten brauchen unsere Körpersysteme unterschiedliche Energiefrequenzen. Man hat z. B. festgestellt, dass, wenn die Farbe Rot vorherrscht, sich der Händedruck zwischen zwei Menschen um ca. 10% verstärkt. Das könnte bedeuten, dass uns Rot in gewissem Maße mehr Kraft verleiht. Blau dagegen senkt den Blutdruck und wirkt so beruhigend und ausgleichend. Hat jemand schwer körperlich gearbeitet, verspürt er oft einen Heißhunger auf ein ganz bestimmtes Essen, anderes weist er von sich. Genauso verhält es sich mit Farben. Jemand, der in seinem Beruf eine monotone Tätigkeit ausübt, benötigt farblich gestalterische Anregung als Ausgleich für seinen unterforderten Geist; so kann er ausgewogen sein und bleiben. Mein Ansatzpunkt ist funktional und orientiert sich immer am Menschen.

Topaz: Welche Rolle spielt bei Ihren Farbkonzepten der individuelle Mensch, der die Räume später benutzt?

Thomas Bexte: Je weniger Personen einen Raum benutzen, desto mehr kann man auf persönliche Bedürfnisse eingehen. Welchen farblichen „Energieschub“ jemand im Moment braucht oder nicht braucht, kann sehr unterschiedlich sein. Vielleicht hat jemand auch eine starke assoziative Verbindung mit einer Farbe aufgebaut, die ihrer „normalen Wirkung“ entgegenläuft. Dies kann die eigentliche Wirkung einer Farbe völlig überlagern. Deswegen will ich keine Standardkonzepte liefern, sondern beschäftige mich im Vorfeld mit den Menschen, die später die Räume benutzen werden.

Topaz: Spielt Farbgestaltung im Gesamtkontext von Mobiliar, Raumgestaltung, Materialien und äußeren Einflüssen nicht eher eine untergeordnete Rolle?

Thomas Bexte: Es wird heute ja allgemein davon abgeraten, einen netzbetriebenen Radiowecker in Kopfnähe auf das Nachttischschränkchen zu stellen. Nicht weil das elektromagnetische Feld dieses kleinen Elektrogeräts so gigantisch wäre und somit das gesundheitsgefährdende Potential des Elektrosmogs entsprechend groß. Nein, es ist die Zeit, die wir durchschnittlich im Bett verbringen, die die Auswirkung summiert. Nun sind die Farben in unserer privaten Umgebung oder am Arbeitsplatz sicher nicht die größten Einflüsse, denen wir ausgesetzt sind. Aber sie sind ständig da. Jeden Tag, jede Stunde. Das summiert sich. Ob wir ihnen Aufmerksamkeit schenken oder nicht. Entweder wirken Farben leicht unterstützend auf Tätigkeiten oder Prozesse, oder sie sind neutral, oder sie beeinträchtigen und hemmen. Wer ist nicht schon einmal durch die langen, kargen, weißen Korridore einer Firma, einer Behörde oder eines Krankenhauses gegangen und hat sie als abweisend oder hart empfunden?

Meines Erachtens behindert ein mit Bedacht angebrachter farbiger Anstrich die Effizienz der Arbeitsabläufe in einem Krankenhaus nicht. Aber er beeinflusst sicherlich das emotionale Befinden der Patienten und des dort arbeitenden Personals positiv, fördert damit die Genesung und verbessert die Arbeitsmotivation. Ich denke, dass ein solcher Anstrich langfristig der Gesundheit der Menschen zuträglich ist und so dazu beiträgt, die Kosten auf dem Gesundheitssektor zu senken, was von allgemeinem Interesse sein könnte.

Topaz: Gibt es eine Vision, eine Zukunftsaussicht für eine Welt „im neuen Kleid“?

Thomas Bexte: Ich hoffe, es wird in Zukunft eine viel bewusstere, prozessorientierte Gestaltung geben, die sich auf die Notwendigkeiten und Bedürfnisse des Menschen besinnt. Wir werden Gebäude schaffen, in denen, ihrem jeweiligen Zweck entsprechend, das Lernen leichter fällt, in denen Heilung unterstützt wird, innere Ruhe gefunden werden kann oder Kreativität angeregt wird. Es gibt einige herausragende Projekte in unserer Welt, aber vor allem in unseren Städten herrscht ein riesiger Bedarf. Noch weiter erforscht werden muss, welche Farben wann und wie förderlich sind, welche Farbkombinationen, welche Geometrie, Proportionen, Materialien und z. B. auch Pflanzen unsere Lebensqualität unterstützen und bereichern können.

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