Die Chapatis

Ein junger Mann saß bei dem alten Nachtwächter und beide blickten auf das Feuer, das ihnen die Hände wärmte. Der Nachtwächter sagte: „Ich mache keine Klassenunterschiede. Ich habe in meinem Leben schon mit vielen Menschen von unterschiedlichster Herkunft zusammengesessen. Ich ließ mich nicht einschränken durch meine Erwartungen, wie jemand sein sollte, sondern war offen für das, was jemand tatsächlich ist.“

Ich erinnere mich an eine Begebenheit, als ich noch jung und als Soldat in Indien stationiert war. Anders als andere hatte ich meinen Dienst so gelegt, dass ich immer drei Wochen am Stück Dienst tat und dann drei Wochen frei hatte. Mit einem Messer in dem einen Stiefelschaft und einem Revolver im anderen wanderte ich in meiner freien Zeit für drei Wochen in den Busch.

An einem Tag traf ich einen alten Bauern. Es war gegen Abend, und er hatte sich gerade mit seinen kupfernen Töpfen niedergelassen, um sein Abendessen zuzubereiten. Er sah mich an, und ich sah ihn an. Dann sprach er mich in sehr kultiviertem Englisch an: „Ich mache mir gerade eine köstliche Tasse Tee, und ich bin sicher, dass Sie sich gerne zu mir setzen möchten, um das Abendessen mit mir zu teilen.“ Ich war völlig überrascht, da wir uns irgendwo weit auf dem Lande befanden. Ich setzte mich zu ihm, und er bot mir ein Chapati an. „Vielen Dank“, sagte ich, und als Westmensch nahm ich das Brot und steckte es mir in den Mund.

Er schlug es mir aus der Hand. „Sie dürfen meine Chapatis nicht essen, bevor Sie nicht ein Stück davon abgebrochen haben als Dank für das, was uns gegeben wurde“, sagte er. Während ich wartete, versprengte er etwas Wasser auf dem Boden. Dann brach er Stücke vom Brot ab und warf eins in Richtung Osten, eins in Richtung Westen, ein Stück nach Norden und eins nach Süden. Nachdem er das getan hatte, sagte er, „Hier ist nun Ihr Chapati“.

Ich fragte ihn, warum er dies getan habe, und er antwortete, „Junger Mann, alles was wir ursprünglich sind, kommt von der Erde, angefangen mit der Nahrung, die Ihre Mutter aß, die ihr Kraft gab, während Sie in ihrem Mutterleib heranwuchsen, bis dahin, dass wir selber essen müssen, um zu leben. Es ist ein reichgedeckter Tisch, der mir Leben gab und diese Nahrung hervorbrachte. Wenn Sie nicht etwas zurückgeben, wie soll dann das, was Ihnen all dies gibt, wissen, dass Sie sich darüber freuen. Ist es nicht so, dass es erforderlich ist, ein Zeichen zu geben, dass man sich nicht einfach alles greift und mitnimmt?“ Seine Worte ergriffen mich, und in diesem Moment habe ich verstanden, dass ich der Schöpfung etwas zurückgeben muss für mein Leben.“

Der Nachtwächter blickte weit durch die Flammen hindurch zu weiten Ländern und früheren Zeiten. Der junge Mann wollte den Moment nicht zerstören, und so schlüpfte er leise davon und ging nach Hause.

Ausdruck mit freundlicher Genehmigung des Inhabers des Urheberrechts, Gemstone Press

top of page
Copyright 2001-2020 Topaz Verein, 57639 Udert/Rodenbach. Alle Rechte vorbehalten.

Diese Seite wird gedruckt am 02.06.2020
von http://templatenetwork.org/topaz/12/de/19.html

Anschrift der Redaktion:

Topaz
Holunderweg 4
57639 Udert
Tel.: 02684 - 977675
Fax: 02684 - 977676
E-Mail Adresse: info@template-netzwerk.de