Von Einem, der auszog, seine Gehaltserhöhung an einen Kollegen zu verschenken

oder: Was haben ein paar hundert Euro mit persönlicher Ehre zu tun?

M.H. Koop, Deutschland

„Was ist schon Ehre?“ - könnte man sagen... Wenig für den, der so fragt. Am Ende muss jeder Mann (vor allem) und jede Frau selbst entscheiden, was persönliche Ehre bedeutet oder bedeuten kann. Die folgende Anekdote wurde von guten Freunden des Autors als ein Beispiel für persönliche Ehre identifiziert, und auf deren Anregung hin niedergeschrieben...

Wir leben in einer Epoche, in der nicht nur Geld einen Großteil der Welt regiert, sondern auch der Unterhalt des Lebens den Löwenanteil unserer Zeit und unseres Seins in Anspruch nehmen kann. Wohl dem, der dennoch eine höhere Wertschätzung für seine persönliche Lebenszeit entwickelt hat – eines der wertvollsten Dinge, die wir als Mensch haben! Wer diese Einstellung teilt, wird in bezug auf einen Job versuchen, seine Zeit und Energie gegenüber einem Arbeitgeber so gut wie möglich zu verkaufen... Bei all diesen Widrigkeiten (und wir haben es ja vergleichsweise noch verdammt gut in Europa!) gibt es immer mehr Menschen, die versuchen, sich ein inneres Refugium zu bewahren, das die Möglichkeit des Freiraums für Dinge bieten kann, die vielleicht wirklich wichtig sind: Wohlbefinden, Bewusstheit, freie Wahl, Zufriedenheit, harmonische zwischenmenschliche Beziehungen, Sich-noch-Wundern-können... Und einen heißen Draht aufrecht zu erhalten zu dem, was menschliches Leben erst möglich gemacht und uns alle erschaffen hat... Puh – ein langes Vorwort, und was hat das alles mit der Überschrift zu tun?

In dieser Welt, wo also Geld oft das Maß aller Dinge ist, flatterte eines Tages eine Gehaltserhöhung auf den Tisch des Autors. Kein Vermögen, knapp 100 Euro brutto im Monat - aber immerhin! Zur gleichen Zeit beschäftigten den Empfänger Gedanken an einen neuen Job. Bevor er allerdings bei einem anderen Arbeitgeber zugesagt hatte, und aus verschiedenen Beweggründen heraus, entschloss er sich, den Bonus an einen anderen Kollegen abzutreten. Einer der Gründe war die chronische Unterbewertung bzw. Unterbezahlung des besagten Kollegen durch das Unternehmen. Ein weiterer Grund die Tatsache, dass jener vor kurzem Vater geworden war und das Geld sicherlich gut würde gebrauchen können... gedacht – getan, der Entschluss wurde dem Vorgesetzten mitgeteilt. Ob aus dem neuen Job etwas werden würde oder nicht, spielte in der Sache keine Rolle mehr.

Im Anschluss an anfängliche Irritation und einigem Nicht-Verstehen im Management der Firma wurde nach mehreren Wochen der Ratlosigkeit durch einen der Vorstände entschieden, dass beide Mitarbeiter eine Gehaltssteigerung in der besagten Höhe erhalten sollten! Was für eine weise und erhabene Entscheidung - wenn sie auf Menschlichkeit und nicht auf Gönnerhaftigkeit begründet ist; ausgelöst durch einen Dreizeiler eines Sonntags Nachts.

Die „persönliche“ Ehre besteht für mich darin, aus dem Geschenkten weder dem Kollegen noch den Führungskräften gegenüber einen Staatsakt zu machen. Und den Fakt selbst hinterher sofort wieder zu vergessen, damit die Schenkung nicht bei jeder zukünftigen Begegnung mit dem Kollegen ungesehen im Raume steht... Schon im Vorfeld übertriebene Dankbarkeitsbezeugungen mental zu negieren. Oder auch mir selbst die Frage zu stellen: Hätte ich das Gleiche getan, wenn zu dem Zeitpunkt keine Gedanken an einen möglichen Arbeitgeberwechsel aktuell gewesen wären...

Die „unternehmenskulturelle“ Ehre bestand vielleicht darin, den Worten auch Taten folgen zu lassen, und nicht in Anbetracht meiner zwischenzeitlich doch erfolgten Kündigung einen Rückzieher zu machen.

Es ist mir bewusst, dass ein derartiges Verhalten heutzutage eher ungewöhnlich ist. Was nicht bedeutet, dass sich die Welt nicht wieder daran gewöhnen könnte. Denn die damit einhergehende Ehre (wenn es so ist) wird ebenfalls auf einem „Konto“ verbucht. Ein Konto, das persönlich ist und gleichzeitig zugänglich für alle, die auf der gleichen Wellelänge schwingen. Ein Konto, das am Ende unseres irdischen Daseins eine weitaus größere Rolle spielen wird, als unser Geldkonto!

Für ein kleines Stückchen mehr Ehre und Gerechtigkeit in der Welt.

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