Persönliche Ehre und unsere vielen Leben

von Sarah Robins, GB

In dieser Zeit des Jahres spürt man, wie die kalten Wintertage allmählich neuem Wachstum und der frischen Lebendigkeit des Frühlings Platz machen, und es fühlt sich oft so an, als ob sich neue Gelegenheiten auftun, der Schritt leichter wird und ein Hauch von neuen Möglichkeiten in der Luft liegt.

Frühling und Herbst scheinen die besten Zeiten im Jahr zu sein, um einen frischen Start zu machen und Neues anzufangen, wie beispielsweise einen Sportkurs zu belegen, das Haus zu renovieren, eine neue Ausbildung zu beginnen, den Frühjahrsputz zu machen oder komplett neuen Interessen nachzugehen. Manches davon wird erfolgreich durchgezogen, manches wird bald wieder aufgegeben. Zu Beginn des Jahres haben ein paar Leute vielleicht „gute Vorsätze für das neue Jahr“ gemacht, wenn man jetzt aber genau hinsieht, bei wie vielen ist man noch mit dem Herzen dabei und wie viele haben sich schon leise in Luft aufgelöst und sind vielleicht schon vergessen? Wovon hängt es ab, ob man einen neuen Vorsatz durchhält? Warum fasst man ihn in erster Linie? Und überhaupt – was hat das alles denn mit Ehre zu tun?

Beginnen wir mit der Tatsache, dass wir eigentlich nicht nur ein Leben haben sondern viele, die Teil des einen Lebens sind. Es sind unsere inneren Leben: unser emotionales Leben, unser mentales Leben, das Leben unseres Herzens, das Leben unserer Hände, unseres Verstands, unserer Augen, unseres Gehirns, unserer Seele, unseres ganzen Körpers und all unserer Fähigkeiten. Diese Leben sind uns geschenkt, sie sind uns von Geburt an gegeben, jedes mit eigenen Talenten, eigenem Bewusstsein und eigenen Möglichkeiten.

Dann gibt es die Leben, die wir durch unsere Handlungen und Entscheidungen innerhalb dieser Leben aufbauen. Wir können Musik machen, Sport treiben, anderen Menschen helfen, uns handwerklich betätigen, uns mit unserem spirituellem Wachstum beschäftigen, es liegt wirklich an uns. Können wir etwas zu dem Reichtum an Fürsorge und Güte in der Welt beitragen, können wir zum menschlichen Wissensschatz etwas hinzufügen, können wir bewusster und fähiger werden, können wir zu einem neuen Verständnis der menschliches Rasse und ihres Platzes im Plan des Universums gelangen, können wir uns persönlich entwickeln und wachsen, so dass jeder einzelne von uns seine Fähigkeiten erweitert und sich nach vorne, auf die Zukunft hin ausrichtet? All diese Handlungen und Bestrebungen schaffen in uns mannigfaltige Qualitäten, Stärken und Fähigkeiten. Einer mag sich dafür entscheiden, Krankenpfleger zu werden, der andere wird vielleicht Ingenieur. Und obwohl beide Bereiche unterschiedlich sind, brauchen doch beide Personen eine gewisse Beharrlichkeit und einen gewissen Eifer, entwickeln neue Fertigkeiten und Verständnisse aufgrund der Tatsache, dass sie sich im jeweiligen Bereich ausbilden lassen.

Uns ist das Geschenk des Lebens gegeben und das Geschenk der Entscheidungsfreiheit, was wir aus unserem Leben machen; das ist beinahe ein zweites Leben innerhalb unseres geschenkten Lebens. Dennoch sind all diese Leben – ob geschenkt oder selbstgewählt – nicht das „Selbst“. Sie sind vergleichbar mit einer Fabrik: die verschiedenen Leben entsprechen den Maschinen, den Fließbändern, der Person am Schalthebel, der Kantinenangestellten, dem Leiter der Versandabteilung, dem Gabelstaplerfahrer. Das „Selbst“ gleicht eher dem Geschäftsführer, der den ganzen Betrieb überblickt, dafür sorgt, dass alles problemlos und fristgerecht abläuft, dem Vorsitzenden des entscheidungstragenden Gremiums, dem Oberbefehlshaber. Und in diesem „Selbst“, dem Geschäftsführer, der alle Entscheidungen trifft, steckt die Möglichkeit, Ehre hochzuhalten. Das „Selbst“ ist es, das nach Beweggründen sucht, die Suche nach neuem Wissen fördert, sagt: „In diese Richtung, nicht in die andere.“

All die verschiedenen Leben haben ihre Bedürfnisse, Wünsche und Anforderungen. Zu Beginn des Artikels wurden die Vorsätze für das neue Jahr erwähnt, Neuanfänge, die die Entwicklung dieser Leben fördern. Man belegt zum Beispiel einen Sportkurs. Warum macht man das? Das „Selbst“, der Geschäftsführer, würde es so begründen: „Mein Körper fühlt sich danach gut und so fühle ich mich gut, kann besser bei mir sein und mehr tun. Ich möchte meinem Körper, der es ertragen muss, dass ich den ganzen Tag lang vor dem Computer sitze, etwas zurückgeben. Mein Lebensprinzip ist es, allen Dingen, die mir in meinem Leben begegnen, das Beste zukommen zu lassen, und deshalb möchte ich auch das Beste für meine körperliche Gesundheit tun.“ Man beginnt also den Sportkurs und jedes Mal ist es eine Sache der Ehre, das, was den Vorsatz ausgelöst hat, zu bestärken.

Jemand anders hatte vielleicht immer den Wunsch, malen zu lernen, und entschließt sich dazu, einen Malkurs zu belegen. Er genießt den Malkurs, das Lernen und Üben. Und dann naht der 30. Geburtstag eines Freundes oder einer Freundin und er möchte seine Wertschätzung der Freundschaft zum Ausdruck bringen. So malt er ein Bild, verbringt Stunden damit, es richtig hinzubekommen und ein bestimmtes Gefühl zu vermitteln. Dieses Bild nimmt nun einen Ehrenplatz an der Wand des Freundes ein. Diese Wertschätzung für den andern auszudrücken, die Bedeutung, die man der Freundschaft und der Person beimisst, ist eine Sache der Ehre.

Es gibt die verschiedensten Arten, wie Menschen ihr Leben leben, was sie machen und wie sie etwas ausdrücken können. Ein weiser Spruch, der dazu passt, sagt: „Nicht, was man tut, sondern der Grund, warum man es tut, zählt.“ Es ist das „Selbst“ in uns, das nach Beweggründen sucht, an Werten, Standards, Absichten und Prinzipen festhält. Das „Selbst“ als Geschäftsführer all dieser vielen Leben kann ehrenhaft handeln oder auch nicht. Es kann einem helfen, bei dem zu bleiben, was man sich vorgenommen hat. Ehre ist nicht die Disziplin oder die Willensstärke, die eine Krankenschwester oder einen Ingenieur bis tief in die Nacht lernen lassen, die einen Menschen trotz seiner Erschöpfung zum Sportkurs gehen oder zum Pinsel greifen lassen, obwohl ihm im Moment nicht danach ist. Wenn man aber durchhält, wofür man sich entschieden hat, ehrt das und fühlt sich richtig an, was wiederum die nötige Willensstärke hervorbringt weiterzumachen.

Einer meiner Nachbarn verlor vor ungefähr zehn Jahren seine Stelle in einer Computerfirma und entschied sich, keine ähnliche Stelle zu suchen, sondern zu versuchen, mit seinem Hobby, dem Drechseln, seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Er verbringt nun seine Zeit damit, wunderschöne Holzschalen, -vasen und -schatullen herzustellen und sie auf Kunsthandwerksmärkten zu verkaufen. Er ist sehr dankbar dafür, dass er damals seine Stelle verlor und erzählt immer wieder, wie viel besser er sich jetzt fühlt. Obwohl er nun weniger Geld verdient, verbringt er ein befriedigenderes Leben und spricht mit einer ansteckenden Begeisterung über Holz, die Unterschiede in der Maserung, wie es bei verschiedenem Licht und aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachtet aussieht und wie man es am besten bearbeitet, damit seine innere Schönheit außen sichtbar wird. „Wir haben so viel Hässlichkeit in der Welt geschaffen“, meint er. „Ich möchte ihr wieder ein bisschen Schönheit zurückgeben und wende bewusst viel Geduld und Sorgfalt an alles, was ich herstelle. Ich wünsche mir, dass mehr Leute das täten, es ist so wichtig.“ Und man kann das sehen, all seine Stücke haben einen besonderen Glanz und er hat sich offensichtlich Gedanken darüber gemacht, was er macht und warum. Und so ehrt ein jedes Prinzip, an dem man festhält und nach dem man aus wohlbedachter Wertschätzung handelt, viele Dinge, es ehrt die vielen inneren Leben und es ehrt Gott, begleitet von einem Gefühl des Wohlbefindens, der Ganzheit und inneren Reinheit.

Bei jedem Menschen drückt sich Ehre auf ureigene Art aus, je nachdem, was seine Beweggründe sind und was seiner Ansicht nach richtig und falsch ist. Gibt es aber ein grundsätzliches Kriterium, an dem dies gemessen werden kann? Hier kommen geistige und ethische Ebenen ins Spiel, denn dadurch, dass wir den Grund für unsere Existenz zu verstehen suchen und Werte und Qualitäten entwickeln, schaffen wir die Grundlage für Ehre. Nahe am Wesenskern des Planeten und des Universums zu sein und so unser spirituelles Leben zu entwickeln, ist eine Ehre für unsere Existenz, und es ist eine Ehre, dem in unserem Leben Ausdruck zu verleihen.

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