TOPAZ 11. Ausgabe 2004
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Lebenswerte Zukunft und Spiritualität
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Sieben Anregungen zur Selbstreflexion zum Auftakt eines neuen Tages
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Ehre - Was ist das?
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Ehre - Was ist das?

Sander Funneman - Niederlande

Um die Weihnachtszeit 2003 startete im Template Netzwerk „Die Befreiungsoffensive für Wörter” („The Liberation Front for Words”). Ihr Ziel ist einfach: möglichst viele in Wörterbüchern gefangene Wörter zu befreien, indem ihnen ein neue Wertschätzung entgegengebracht wird, sie neu zu definieren und neu zu gebrauchen. Wir haben uns vor allem auf Wörter konzentriert, die eine menschliche Stärke oder Qualität ausdrücken. Wir hoffen, inzwischen einen kleinen Beitrag geleistet zu haben, vom Aussterben bedrohte Wörter zu retten. In diesem Sinne wollen wir in diesem Artikel das Wort „EHRE” betrachten, das gegenwärtig mehr und mehr missbraucht wird, indem sich niedere Motive wie Rache und Gewalt seiner bemächtigen.

Niemand scheint Ehre einfach so haben zu können. Sie ist eine flüchtige Substanz. Sobald wir denken, sie endlich ergriffen zu haben, ist sie dir schon wieder entkommen. Sie ist ein Prozess und keine Sache, die wir be-sitzen können, und deswegen nicht einfach zu definieren. Eine ganze Lebenskunst ist in dieses kleine Wort verpackt mit verschiedenen Bedeutungen für verschiedene Gelegenheiten. Manche Menschen haben Ehre ein Leben lang hochgehalten, die Bedeutung des Wortes nicht befleckt. Andere haben sich daran gewöhnt, mit dem Wort „Ehre” das Aburteilen von Mitmenschen und den Einsatz von Gewalt zu verschleiern oder zu beschönigen. So bezeichnet sich die Mafia als „ehrenwerte Gesellschaft“.

Wahre Ehre braucht das richtige Klima, um zu gedeihen, das sorgfältige Abwägen von Konsequenzen und konstruktiven Begründungen. Sie braucht also richtige Nahrung, Nährstoffe und Energie wie alles andere in der Natur auch. Ehre hat mit Maßstäben und Werten zu tun und vertieft deren Bedeutung. Ehre geht zum Beispiel nicht die naheliegenden, einfachen Wege. Sie schaut auf die Konsequenzen des Handelns. Sie fragt eben nicht, ob jemand einfach so ehrenhaft ist oder nicht. Sie fragt, ob aus der Betrachtung der Umstände angemessene Konsequenzen gezogen werden. Ehre kann man nicht dadurch erlangen, dass man die „richtigen” Antworten auf strittige Fragen parat hält. Sie muss erarbeitet werden und hat dabei viel mit persönlicher Motivation, Konsequenz, Kontexten, Tiefe, Begründungen und dann mit Taten zu tun.

Ehre kennt nicht Rang, Klasse oder Universitätsgrade. Sie kümmert sich nicht um Titel und Prestige. Sie ist für jeden da. In der bedachten Sorgsamkeit, Geduld und Motivation einer Mutter ist sie nicht weniger anzutreffen als in der ernsthaften Verantwortlichkeit eines Staatsführers. Da gibt es keine Diskriminierung in Sachen Ehre, sie gilt für alle Nationen und für beide Geschlechter. Ehre ist einfach Ehre.

Jeder hat die Möglichkeit persönlicher Ehre. Für den einen bedeutet Ehre, sie auch in schwierigen Situationen hochzuhalten. Ein anderer stellt mutig eine unpopuläre Frage in einer Situation, wo sie wirklich zählt, und ein dritter macht Schluss mit den „netten Worten“ und handelt.

Ehre erscheint auch in den Aktivitäten von Gruppen, wenn Geschichtenerzähler zu kranken Kindern in ein Kinderhospital gehen, wenn eine Gruppe von Lehrern sich ihrer Arbeit aufrichtig und selbstlos widmet, wenn Freiwillige älteren Menschen in einem Heim helfen, wenn ein Team von Feuerwehrleuten unter Lebensgefahr ein brennendes Gebäude auf der Suche nach Überlebenden betritt oder ein Chor durch seinen Gesang den Lebensmut der Menschen in einem Flüchtlingslager stärkt. Solche Projekte der Ehre können nicht eingefordert werden, sie geschehen einfach. Die Motivation ist da und die Gelegenheit wird mit beiden Händen ergriffen, was Ehrensache ist. Man möchte lieber nicht darüber nachdenken, was wäre, wenn es diese Ehre nicht gäbe. Wenn z.B. Leben gefährdet sind und die Retter Strapazen auf sich nehmen, die weit über ihre Verpflichtungen hinausgehen, nicht aus persönlichen Gründen, sondern ehrenhalber.

So viele Dinge haben ihre spezifische Ehre, die nicht im Buch gefunden werden kann. Die Frage, wie etwas getan werden soll oder muss, versagt, wenn es um Ehre geht. Ehre lässt sich nicht moralisch festnageln. Sie kennt keine Verurteilungen, kein Gut oder Böse. Sie verbindet die situationsgerechte Begründung mit der entsprechenden Handlung. Sie stellt sich unmittelbar ein mit effektiver und spontaner Reaktion in einer hoffnungslos erscheinenden Situation. Das Auto im Graben und auf einmal bietet jemand aus dem Nichts heraus seine helfende Hand. Ehre lässt den unerwarteten Helfer in der Not zur Stelle sein, den Retter, den Beschützer, den Tröster, den geduldigen Zuhörer, den Hoffnungsspender, den aufmunternd Gebenden, den großzügigen Spender, den treuen Freund. Viele alltägliche Begebenheiten dokumentieren so wahres Ehrgefühl und gehörten eigentlich auf die Titelseiten unserer Zeitungen!

Und nicht immer liegen die Dinge klar auf der Hand, nicht immer sind sie eindeutig zu entscheiden. Haben diejenigen, die stehlen, oder diejenigen, die einen Menschen töten, für immer der Ehre den Rücken gekehrt? Andere Aburteilen ist so einfach. Was, wenn Stehlen der letzte Ausweg ist, die Kinder zu ernähren? Oder was ist mit dem Soldaten, der seinen tödlich verwundeten Kameraden erschießt, um ihm Gefangennahme und Folter zu ersparen? Schon steht sie wartend in der Tür, die Moral-Brigade, für die die Welt simpel in Gut und Böse auseinander fällt. Ehre kennt nicht diesen einfachen Weg. Ihre Wege sind tief, überlegt, begründet, Werten verpflichtet, die Konsequenzen bedenkend und die daraus resultierenden Schritte. Ehrenvoll ist es, den Gesetzen zu gehorchen. Aber manchmal, wie die Geschichte zeigt, müssen die Gesetze gebrochen werden, wenn es dringend notwendig ist, und im Brechen von Gesetzen kann Ehre neu sichtbar werden.

Auf jeden Fall will Ehre keine Schlagzeilen machen und unterscheidet sich so von politischen Auseinandersetzungen, Konflikten und Kriegen. Zeigt sich in solch unversöhnlichen Gegensätzen nicht die Unreife, mit Widersprüchen umgehen zu können, die Unfähigkeit Konflikte konstruktiv zu bewältigen? Es ist so schön, einfach abzuurteilen, nicht nachdenken zu müssen; sofort Ausschau nach denen zu halten, die schuldig sind und angeklagt werden können.

Hier muss sich der Journalismus fragen lassen, ob er sich nicht manchmal als eine eigene Gerichtsbarkeit aufspielt, nicht etwa weil er legale Befugnisse hätte, sondern weil Verurteilungen sich besser verkaufen. Nicht jeder Journalismus arbeitet so. Aber wenn die Höhe der Auflage das Kriterium ist, nach dem Geschichten gestrickt werden, wenn zusammengestrichen wird, um eine Pointe zu gewinnen, um den Leuten nach dem Mund zu reden: Was wird dann weggeschnitten, welche Nuance, welche Details oder Zusammenhänge werden geopfert? Welche Fakten werden unterschlagen, um die Anziehungskraft zu steigern? Wenn die wirkliche Geschichte auf das reduziert wird, was sich als Sensation verkaufen lässt, kollabiert ihre Wahrheit, auch wenn die übrig gebliebenen Fakten objektiv richtig sind. Sie sind in einem fragwürdigen Kontext falsch arrangiert und tragen falsche Akzente. Es ist eine Ehre, die Wahrheit zu erzählen, und diese Ehre sollte nicht auf der Strecke bleiben.

Was also ist Ehre? Im Wörterbuch steht, dass Ehre damit zu tun habe, Verträge zu erfüllen und Versprechungen zu halten. Um der Ehre die Ehre anzutun, in einem größeren und höheren Kontext beschrieben zu werden, versuchen wir hier in einem ersten Schritt, dem weitere folgen sollten, sieben Bedeutungen den Regenbogenfarben entsprechend zusammenzuführen.

Rot Ehre offenbart sich, wenn Prinzipien sich in Handlungen realisieren, wenn in einer stimmigen Art zu leben Handlungen gut begründet sind.
Orange  Ehre ist unser lichtes Leben und eine gute Verwaltung der dunklen Seiten, getragen von der Absicht, das Lichte zu mehren und das Dunkle zu mindern.
Gelb Ehre ist die Fähigkeit, eine destruktive Situation in eine konstruktive Erfahrung zu sublimieren.
Grün Ehre reagiert sofort angemessen auf Umstände und Notwendigkeiten und bietet das an, was gebraucht wird, nicht mehr und nicht weniger.
Blau Ehre ist ein menschlicher Zustand, der uns erlaubt, niemals weniger als ein Mensch zu sein.
Indigo Ehre ist ein Zustand der Selbsterkenntnis, in dem wir nichts von dem, was wir sind, vor uns selbst verstecken.
Violett Im Licht von Ehre können wir jederzeit die Ziele, denen wir dienen, verstehen.

Nun, am Ende dieser Entdeckungsreise, die ein Versuch ist, die Ehre aus den Klauen des Wörterbuches zu befreien, halten wir einen Moment inne, um uns als verschworene Freunde der Ehre zu fragen: „Warum sind wir eigentlich Freunde der Ehre?”

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