TOPAZ 9. Ausgabe 2004
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Vorlieben und Abneigungen
Pioniergeist der Nordamerikanischen Template
Ausgewogene Ernährungsgewohnheiten
Von Kerlen, Männern, Ehrenmännern
Ehre zwischen Männern
Das XX- und das XY- Geschlecht
Erfolg! Endresultat oder 'Way of life'?
Erstaufführung der "Sinfonia del diletto"

Vorlieben und Abneigungen

oder wie man sich entschuldigt, wenn man keine Verantwortung für seine Taten übernehmen will

Von Rolf Christoffersen

Zumindest die Mehrzahl der Männer unter uns kennt das Gefühl, gemeinsam mit anderen die Siege und Triumphe der Fußballnationalmannschaft zu feiern. Wir lieben das. Wir mögen es, wenn unsere Mannschaft die gegnerische schlägt, und auf einmal sind verpatzte Pässe, verlorene Bälle, Freistöße und andere Niederlagen, die das Team hinnehmen musste, vergeben und vergessen. Doch wehe, wenn unsere Mannschaft verliert. Das haben wir nicht so gerne. Auf einmal sind alle schlecht: die einzelnen Spieler, der Schiedsrichter, das Spielfeld, der Trainer, der Gegner.
Vorliebe für eine Sache oder Abneigung führen Menschen wie nichts anderes zusammen. Das erfahren wir jeden Tag, z.B. im Sport oder wenn wir uns Fernsehberichte von den Brennpunkten des Weltgeschehens ansehen. Die Bilder auf dem Bildschirm bestimmen, welche Meinungen wir bevorzugen und welche wir ablehnen, wie wir alle das nach den Anschlägen auf New York und Washington am 11. September erfahren haben. In diesem Artikel wollen wir uns genauer ansehen, wo die Gefühle von Vorliebe und Abneigung eigentlich herkommen, nämlich aus unserem eigenen Inneren.

Die meisten Menschen in der westlichen Welt gehen durchs Leben, ohne dass sie wie die Menschen in New York und Amerika am 11. September 2001 lebensbedrohliche Katastrophen am eigenen Leibe erfahren. Im Großen und Ganzen haben wir Zugang zu allem, was wir benötigen, wir haben genug Nahrungsmittel, fließendes Wasser, einen Fernsehfilm, wenn wir uns entspannen wollen, Berichterstattungen rund um die Uhr, hin und wieder Urlaub, wenn wir allem entkommen wollen, wir haben Kleidung, Telefon, Internet, Zugang zu fast allem, was wir benötigen. Wir können jeden Tag Fisch essen, wenn wir Fisch mögen. Wir können den blauen Pulli im Schrank lassen, wenn uns der rote besser gefällt. Wir können uns die Unterhaltungssendungen aussuchen, die uns gefallen, und andere Fernsehkanäle, die uns zur Verfügung stehen, einfach ignorieren. Wir lesen die Zeitungen, die unsere Meinung teilen, und beachten die nicht, deren Ansichten uns nicht zusagen. Und wir machen das die ganze Zeit. Wir legen so jeden Tag in uns und in unseren Gesprächen mit anderen fest, was wir mögen und womit wir nicht zufrieden sind und so auch, wer unsere Freunde sind. Denn warum sollte jemand freiwillig seine Zeit mit Leuten verbringen, die er nicht mag? So prägen unsere Vorlieben und Abneigungen unseren Lebensstil, die Art und Weise, wie wir unser Leben so angenehm wie möglich verbringen wollen.

Eine Wahrheit herrscht über die andere

Vorlieben und Abneigungen an sich sind nicht negativ zu bewerten oder als schlecht oder in irgendeiner Weise als falsch abzuurteilen. Es ist natürlich, in den meisten Bereichen unseres Lebens Vorlieben und Abneigungen zu empfinden, zum Beispiel wenn wir Zeit mit anderen verbringen. Wir mögen den Gemeinschaftsgeist, wir mögen es, mit jemandem unsere Erfahrungen, Gefühle und Gedanken teilen zu können; die wenigsten Menschen lieben die Einsamkeit. Dieser Artikel beschäftigt sich mit der Frage, was passiert, wenn Vorlieben und Abneigungen Macht über alle Bereiche des menschlichen Lebens gewinnen.

Stellen Sie sich vor, Sie haben sich in der Wüste verirrt, haben kein Wasser, sind am Verdursten und da kommt ein Mann und sagt: „Was hätten Sie denn gerne?” Ihre Antwort wäre: „Wasser!” Dann sagt er: „Ich habe jede Menge Wasser, aber nur in einem dreckigen Becher.” Sie würden ohne einen Moment zu zögern antworten: „Das ist mir egal. Ich brauche Wasser.” Solche extremen Beispiele verdeutlichen oft einfache Wahrheiten, im vorliegenden Fall, dass unser Körper das bevorzugt, was ihm Kraft und Energie gibt, um weiterzumachen. Unsere Abneigungen und Vorlieben sind dagegen oft nur eine Sache des persönlichen Geschmacks. Wenn Sie mit Grippe im Bett liegen, zwingt Sie der Körper dazu, denn er benötigt Energie, um gegen das Virus anzukämpfen, und verlangt nach Ruhe und Entspannung. Es kann durchaus sein, dass das Ihnen überhaupt nicht passt, weil Sie den Tag schon mit vielen Dingen verplant haben, die Sie lieber gemacht hätten. So erfahren wir, dass die Wahrheit unseres Körpers, der den Fortbestand unseres Lebens sichern will, alles andere bestimmt; diese Wahrheit des Körpers beherrscht machtvoll unser ganzes Leben mit seinen vielfältigen anderen Vorlieben und Abneigungen.

Interessant ist, dass man, wenn man krank ist, oft Appetit auf etwas anderes hat als auf das, was man normalerweise isst. Vielleicht benötigt der Körper Vitamin C, um die Krankheit zu bekämpfen, und so produziert er einen überwältigenden Appetit z.B. nach Orangen, die Vitamin C enthalten. Das zeigt uns unter anderem, dass unsere Vorlieben und Abneigungen nicht immer zu dem passen, was nötig ist oder wonach unser Körper verlangt und dass eine Situation vielleicht verlangt, dass man darauf hört, was einem der Körper sagen will, anstatt gleich seinen Das-mag-ich-das-mag-ich-nicht-Verhaltensmustern zu folgen. Um sich in Selbstbeobachtung und Selbst-Bewusstsein zu üben, könnte man vielleicht einmal darauf achten, wie oft man Sätze wie „Ich mag das und das”, „Ich mag das hier, aber nicht das andere” usw. benutzt, und z.B. einen Tag lang beobachten, wieweit man in Vorlieben und Abneigungen denkt.

Die großen Vorlieben und Abneigungen beginnen immer im Kleinen

In den zahlreichen kleinen alltäglichen Vorlieben und Abneigungen liegt die Brutstätte für größere Vorlieben und Abneigungen. Man muss hier wieder einmal betonen, dass nichts falsch daran ist, ein Ding einem anderen vorzuziehen, aber davon sein ganzes Leben bestimmen zu lassen kann gravierende Folgen haben. Wenn man sich nur noch nach dem richtet, was man mag und was man nicht mag, wenn das zur beherrschenden Gewohnheit wird, dann ist das, was harmlos als Mögen und Nicht-Mögen angefangen hat, zu einem Kontrollsystem geworden, das mehr oder weniger die Meinungen, Entscheidungen, Handlungen und Wünsche des Menschen regiert. Die Geschichte zeugt davon. Die Verfolgung der Juden im 2. Weltkrieg z.B. kündigte sich an, als viele im Volk sich von einer großen Welle der Antipathie gegen Juden ergreifen ließen, was dann schließlich im Holocaust endete. Oder in der Französischen Revolution tobte sich eine tief verwurzelte Antipathie gegen den Adel so lange aus, bis keine Köpfe mehr rollen konnten. Es sieht so aus, dass in unserer heutigen Zeit Tragödien wie der 11. September oder der Völkermord im ehemaligen Jugoslawien in der Berichterstattung der Medien der ganzen Welt so präsentiert werden, dass Vorlieben und Abneigungen, Sympathien und Antipathien extrem aufgeputscht werden. Solch massenhafte Vorlieben und Abneigung entstehen, wenn Menschen nicht tiefer in sich hineinblicken oder hineinblicken können und sich nicht befragen, was denn ihre persönliche Anschauung von einer Sache ist und ihr persönliches Gefühl, und was eine bestimmte Situation konkret verlangt. Wenn als Ersatz für solches persönliche Fragen die schnellen und gängigen Urteile aufgenommen werden, wie sie sich in den Berichten und Sendungen der Medien finden, können gefährliche kollektive Vorlieben und Abneigungen allzu schnell um sich greifen.

Wie viel Energie verschwenden wir durch unsere Vorlieben und Abneigungen?

Wir haben heute einen einfacheren Zugang zu Informationen und Wissen als je zuvor, wie z.B. die Möglichkeiten des Internets beweisen. Ein unglaubliche Fülle von Angeboten erlaubt uns genau das zu wählen, was unserer Vorliebe entspricht. Vor zwanzig Jahren hatte man die Wahl zwischen gesalzenen und ungesalzenen Erdnüssen. Heute gibt es verschiedenartig geröstete, große und kleine Erdnüsse, Erdnüsse mit Honig, Gewürzen, Käse, Essig usw. - sogar Erdnüsse mit Bananengeschmack. Wir verfügen über eine viel größere Bandbreite an Dingen, an denen sich unsere Vorlieben austoben, und es gibt viel mehr Dinge, bei denen unsere Abneigungen sich entfalten können. Das führt dazu, dass unsere Vorlieben und Abneigungen einen viel größeren Platz in unserem Leben einnehmen und uns viel mehr beschäftigen. Die Frage ist: Auf wessen Kosten? Wie viel Energie wird hier verschwendet? Energie, die darauf verwendet werden könnte herauszufinden, was unserem Leben wirklich zuträglich und förderlich ist. Ist die Auswahl zwischen zwanzig verschiedenen Erdnuss-Geschmacksrichtungen lebenswichtig? Erdnussgeschmäcker gehören vielleicht nicht zu den allerwichtigsten Dingen im Leben; der überlegte Umgang mit Vorlieben und Abneigungen dagegen schon eher.

Wir mögen nur das, was wir kennen

Die folgenden Beispiele präsentieren Vorlieben und Abneigungen in unserem Leben noch aus einem anderen Blickwinkel. Stellen Sie sich vor, Sie suchen in einem Geschäft nach einem Pullover. Die Verkäuferin zeigt Ihnen vier verschiedene: einen blauen, einen grünen, einen braunen und einen weißen. Sie probieren sie alle an und entscheiden sich für den weißen, weil sie ihn von den vier am liebsten mögen. Was aber, wenn der einzige Pullover, für den sie sich wirklich entschieden hätten, der hellgraue mit dem weißen Muster wäre? Den hat Ihnen aber niemand gezeigt. Sie wissen gar nicht, dass es ihn gibt. Einmal im Leben wurden wir alle gefragt: „Was willst du werden, wenn du einmal groß bist?” Um den Beruf zu finden, der Ihnen wirklich zusagt, zeigte man Ihnen das Buch: „600 Berufe”. Was aber, wenn der Beruf Nr. 601 genau der Beruf wäre, den Sie als Erwachsener wirklich ausüben möchten?

All diese Beispiele zeigen, dass wir uns in zwei wichtigen Bereichen eingrenzen, wenn wir uns unseren Vorlieben und Abneigungen überlassen. Da ist zuerst einmal der Bereich unserer Selbstwahrnehmung: Wie gut kennen wir uns eigentlich? Haben wir uns bemüht herauszufinden, was wir wirklich mögen? Wie viel wissen wir von den unterschiedlichen kleinen Leben in uns, die vielleicht unterschiedliche Dinge mögen? Wenn unser Instinkt den blauen Pullover braucht, wird er ihn bevorzugen, während unser berufliches Karriere-Leben möglicherweise den weißen Pullover lieber hätte. Wir könnten dementsprechend unsere Vorlieben und Abneigungen prüfen, ob sie auf einen äußeren oder inneren Einfluss zurückzuführen sind. Spielen unsere Erziehung oder andere Umwelteinflüsse eine Rolle? Oder vielleicht das Alter, astrologische Einflüsse, nationale Einflüsse, aktuelle Trends, Modezeitschriften usw.?
Der zweite Bereich, in dem wir eingegrenzt sind, ist unser Wissen, welche Möglichkeiten die Welt, in der wir leben, uns bietet. Es geht dabei weniger um die Frage, was man konkret weiß, sondern darum, welches Wissen man sucht, welchem Wissen man sich öffnen will. Die Person im Bekleidungsgeschäft weiß zu wenig, um den Pullover zu finden, den ihre verborgeneren Lebensäußerungen benötigen, und so kauft sie den, der ihr gerade im Moment gefällt, den Karrierepullover. Ähnlich sieht es bei der Berufswahl aus: Die meisten Heranwachsenden haben, verständlicherweise, nicht genügend Wissen und Erfahrung, um begründet entscheiden zu können, welchen Beruf sie später ausüben wollen.

Wir sind aufgefordert, so vernünftig und unabhängig zu sein, wie es unserem Wesen entspricht

Die entscheidende Frage, die wir uns stellen sollten, ist also: Welchen Sinn haben unsere Vorlieben und Abneigungen und welchen Einfluss auf unser Leben wollen wir ihnen einräumen? In einer Zeit, in der Vorlieben und Abneigungen eine so große Rolle im Weltgeschehen spielen, ist jeder Einzelne aufgefordert, das unabhängige und vernünftige Wesen zu sein, das er eigentlich ist, und so eine größere Verantwortung für die Gefühle und die daraus folgenden Handlungen zu übernehmen, so dass er wirklich für sie einstehen kann. Ein Anfang könnte sein zu klären, in welchen Lebensbereichen die eigenen, nicht fremdgesteuerten Vorlieben und Abneigungen den Ton angeben sollen und in welchen Bereichen die Vernunft das Sagen hat. Selbstverständlich ist es der Entscheidung jedes Einzelnen überlassen, welche Bereiche er für wichtig oder unwichtig hält, genauso wie er Vorlieben und Abneigungen steuert.Plötzlich auftretende überwältigende Gefühle von Vorliebe oder Abneigung sind oft ein Anzeichen für äußere Einflüsse, die sich als persönliche Gefühle ausgeben. Es ist immer gut, solche Gefühle noch einmal zu prüfen und sich zu fragen, ob es die Gefühle sind, die man wirklich schätzt.

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