TOPAZ 8. Ausgabe 2003
Willkommen
Eine musikalische Würdigung
Wettbewerbsdenken
Grundmuster der sakralen Architektur
Manuellen Therapie bei der Behandlung von ADS-Kindern
Humor - Wer lacht gewinnt
Weiteres zum Thema Humor
Aktiv Filme sehen
Menschlichkeit - Eine Annäherung an ein großes Thema
Europäische 'Spectrum of Life' Festival

Das „Spectrum of Life“ Festival in Leiden, Holland

Zuerst war es nur eine verrückte Idee, als sich im Januar Vertreter des Template Netzwerks von Dänemark, Holland, England und Deutschland in Bayern zu einem Projektaustausch trafen. Die Idee kam auf, in Zeiten, in denen der europäische Gedanke vielerorts diskutiert wird, einmal ein Projekttreffen mit Mitgliedern des europäischen Template Netzwerkes zu machen, wobei jedes Land etwas von seinen gerade laufenden Projekten zu Besten gibt: Musik, Tanz, Wissenschaft, künstlerische Betätigung, Kindertheater, Philosophisches und was sonst noch immer gerade in Arbeit ist.

Wir starrten uns etwas ungläubig an und wünschten fast, die Idee wäre einfach verhallt. Aber dann ließ sie uns nicht mehr los. Würde es gelingen, die erhoffte Spontaneität dieses Tages nicht der Organisation unterzuordnen? Auch sollten sich die Gäste nicht wie Zuschauer fühlen und die Akteure nicht wie Darsteller auf der Bühne, sondern wir wollten etwas für Menschen mit Menschen gestalten, worin sich möglichst alle wiederfinden können, etwas Neues erleben und durch ihr Mitmachen dazu beitragen. Zugegeben, uns war schon etwas mulmig in unserer Haut. Kann man seine Freunde und Bekannten dazu bringen, sich auf so einen Versuch einzulassen, sie einladen, dafür eine weite Anreise in Kauf zu nehmen, und man weiß nicht genau, was passiert?

Lesen Sie im folgenden Artikel von Bart Weber, was passierte. Denn es wurde, gottseidank, ein wunderschönes Event! Es reisten ca. 100 Mitglieder des Netzwerkes aus 12 Ländern an, eine junge Frau, die erst vor kurzem von der Template Idee gehört hatte, kam eigens aus Russland angereist! Hunderte von Besuchern und Passanten im Laufe des Nachmittags trugen ihren Teil zu diesem ungewöhnlichen Tag bei. Die holländischen Gastgeber der Template Stiftung in Leiden, sowie die gute Zusammenarbeit mit der lokalen Stadtverwaltung, die einen schönen Park zur Verfügung stellte, haben einen besonderen Eindruck bei allen Gästen hinterlassen!

Bart Weber, Holland

Rot - Der Beginn

Das Wetter war uns hold, es war ein wunderschöner strahlender JuliMorgen. In den frühen Sonntagmorgenstunden, als ganz Leiden noch schlief, zogen einige Männer los, bewaffnet mit blauen Müllbeuteln, um den Huig-Park von Unrat und Hundekot zu säubern. Man wollte schließlich nicht, dass die Besucher da als erstes reintreten.

Zur gleichen Zeit war die Küche der Leidener Template Stiftung in der Cobetstraat überfüllt, mit Helfern, die Brote schmierten und Lunchpakete zurecht machten. Nicht wenige sahen noch etwas verschlafen drein, denn am Vorabend fand eine Disko mit DJ’s aus vier Ländern statt, ebenso live Musik, und da die Geschmäcker verschieden sind und für jeden etwas dabei sein sollte, wurde der Abend etwas länger.

Dann wurden sämtliche Gerätschaften in den Park geschafft: Zelte in verschiedenen Größen, Stühle, Tische, Sound-Verstärker, Musikinstrumente, Essen, Getränke, Sonnenschirme und natürlich nicht zu vergessen die Thai-Sticks.

Innerhalb von wenigen Stunden war das Gelände kaum wiederzuerkennen. Der ganze Park war in eine Bühne verwandelt!

Orange - Die große Vielfalt

Zulu-Gesang

Am Vormittag erhob sich ein fremdartiger Gesang an einem Ende des Parkes: ein altes Zulu-Lied wurde angestimmt, das man tags zuvor gemeinsam geübt hatte, und die Sänger bewegten sich dazu in rhythmischen Schritten durch den ganzen Park. Zuerst blieben Passanten überrascht stehen, nach kurzer Zeit aber gesellten sich einige spontan zu den Sängern, um die eingängige Melodie mitzusingen. Manche Anwohner, die vom Balkon aus das Geschehen im Park verfolgten, haben sich sicher über diesen ungewöhnlichen und immer größer werdenden Chor gewundert.

Farbzelte

Farben strahlen Energie und Kraft aus, und können umgekehrt auch zum Anlaufpunkt für Energien und Kräfte werden. Eine der natürlichsten Farbkombinationen, die uns allen bekannt ist, sind die Regenbogen- oder Spektralfarben, denn diese Naturerscheinung hat als primäres Grundmuster einen prägenden Einfluss auf den Menschen.

Um unsere Sensitivität gegenüber Farben am eigenen Leib zu entdecken, zu erforschen und zu fördern, wurde ein Template Projekt aus Deutschland, sieben große Zelte in den Farben des Regenbogens, mitgebracht und aufgebaut. Mit Hilfe eines speziellen Farbtests konnte man herausfinden, welche Farbfrequenz stärkend auf einen wirkt, und man konnte sich anschließend eine Weile in dem jeweiligen Zelt aufhalten, um sich der Wirkung dieser Farbe auszusetzen und quasi „aufzutanken”.

Die alte und neue Kunst des Geschichtenerzählens

Dafür hatten Geschichtenerzähler aus verschiedenen Ländern, die sich als „Ring of Turquoise” zusammengeschlossen haben, extra eine Jurte - ein Zelt im mongolischen Stil - mit Teppichen und Kissen aufgebaut. Wenn man sich durch den Eingang gebückt hatte, tauchte man in eine vollkommen andere Welt ein. Die Zauberworte “Es war einmal ...” waren Einleitung und Einladung zu den unterschiedlichsten Geschichten für klein und groß. Diese Erfahrung war insofern außergewöhnlich, als auch Geschichten aus dem eigenen Leben beigetragen wurden, die dadurch auf neue Art lebendig wurden. Denn wie eine alte Weisheit besagt, erhält man sein Selbst zurück, wenn man es mit anderen teilt.

Thai-Stick-Tanz

An einer anderen Stelle des Parkes war das laute, rhythmische Aneinanderschlagen von Stöcken zu hören. Was ging hier ab? Man konnte zum Rhythmus von Donna Summers ‘Hot Stuff’ und begleitet von Live-Trommlern die Grundlagen des Thai-Stick-Tanzens lernen - eine alte Kunstform, die noch von Mönchen in verschiedenen Klöstern in Thailand, Indien, den Philippinen und Vietnam praktiziert wird. Zwei lange Stäbe werden rhythmisch zusammen- und dann in größerem Abstand voneinander auf den Boden geschlagen. Die Kunst besteht darin, zwischen den Stöcken in einer Tanzformation hin- und her zu springen und dabei zu vermeiden, von den schweren Hölzern getroffen zu werden, wenn diese aneinander schlagen. Dieser Tanz fördert und trainiert Konzentrationsfähigkeit, Zielstrebigkeit, Disziplin, Koordination, Begeisterungsfähigkeit und Teamwork. Die Konzentration und oft auch das Zögern und Warten auf den richtigen Augenblick der Tänzer war am eigenen Leib spürbar, ebenso wie ihre Befriedigung, wenn sie die Übung erfolgreich gemeistert hatten.

Musica, Musica...

Live-Musik war fast den ganzen Tag lang zu hören. Eine bunt gemischte und sich ständig neu formierende Band von Musikern aus vielen Ländern spielte und improvisierte in den verschiedensten Musikstilen - von irischer über marokkanische und griechische zu holländischer, deutscher und englischer Musik und schließlich zu einer Kombination aus den unterschiedlichsten Musikgattungen wie italienischen Arien und russischen Volksweisen oder auch mitreißendem Trommeln.

Die Band aus internationalen Musikern hatte noch nie zuvor zusammen gespielt, aber der Austausch, das Miteinander und das Zueinanderfinden passierte ganz natürlich und brachte live viele interessante Musikstücke hervor. Am Ende des Nachmittags erhielten die Musiker dann ein Gegengeschenk: ein blinder Zuhörer berichtete ihnen von seinen Empfindungen und erzählte ihnen, welche Eigenschaften, Qualitäten und Farben er bei den verschiedenen Musikstücken wahrgenommen hatte.

Regenbogentanz

Am Nachmittag führte ein Tanzteam aus Deutschland zu sieben verschiedenen Musikstücken einen „Tanz durch den Regenbogen” auf. Jeder Tanz hatte seinen eigenen Charakter und weckte ganz unterschiedliche Gefühle in den Zuschauern: z.B. Entschlossenheit in Rot, hungriges Aufnehmen in Orange, Heiterkeit in Grün, tiefere Empfindungen in Indigo und Violett. Es war eine faszinierende Tanzdarbietung.

Spezielle Momente

Eine Holländerin und ein Engländer luden Interessierte in ihre eigens mitten im Park geschaffene Wohnzimmeratmosphäre ein, um sich mit ihnen zu unterhalten und insbesondere einige der Qualitäten der jeweiligen Person zu bestätigen und zurückzureflektieren. Das führte zu vielen spannenden und ganz persönlichen Momenten.

Orientalische Tänze

Nach einem musikalischen Intermezzo bot eine Tänzerin, orientalisch gekleidet und voller Enthusiasmus, einen Bauchtanz dar. Gekonnt und einfühlsam ging sie in ihren Bewegungen auf die ägyptischen Rhythmen und Melodien der Musiker ein. Interessanterweise wirkte der Tanz auf die Zuschauer eher beruhigend und entspannend. Nach der kurzen Vorführung konnte jeder, der Lust hatte, mitmachen. Einige Frauen und auch Männer genossen so ihre ersten Bauchtanz-Versuche. Bleibt anzumerken, dass einige sich wahrscheinlich an sonst ungewohnten Stellen einen Muskelkater holten!

Klingende Experimente

An einer zentralen Stelle im Park fanden unter Anleitung eines erfahrenen Chorleiters Experimente statt, um die menschliche Stimme und ihre Ausdrucksvielfalt zu erleben. Auch hier konnte wieder jeder, der sich traute, mitmachen, es ging dabei nicht um Perfektion, sondern um die befreiende Wirkung, die Singen haben kann.

Kreativität und Humor

In einem Zelt, das nur fürs Zeichnen und Malen eingerichtet worden war, lag eine breite Palette verschiedener Materialien für alle aus, die sich mittels Farbe und Papier Ausdruck verschaffen wollten. Ein Stückchen weiter gaben Mitglieder des „Mosaic Theatres” aus England Humorvolles zum Besten. Besondere Beachtung fand ein unsichtbarer Hund, der mit Leine und Halsband durch den Park Gassi geführt wurde. Die Zuschauer genossen voll den britischen Humor.

Gelb - Gemeinsames Schaffen

Auch wenn organisatorische Vorbereitung für das Festival schon einige Monate im voraus begannen, kamen doch die Teilnehmer aus den Niederlanden, Deutschland, England, Dänemark, Norwegen, Amerika, Zypern, Griechenland, Frankreich, Belgien, Israel, Russland und Italien – ungefähr 100 Menschen – nur zwei Tage im voraus zusammen.

Manche kannten sich schon länger, andere trafen sich zum ersten Mal, um sich auszutauschen, zu singen und zu musizieren, Geschichten zu erzählen, Recherchen anzustellen und um Ideen für den Tag im Park zusammenzutragen.

Grün - Kreativität und Spontaneität

Das Festival sollte weder Konzert noch Ausstellung noch Demonstration sein, sondern eher eine Art „lebendiges Theaterstück”, bei dem jeder auf seine Art teilnehmen konnte, wie es seinem Wesen am Besten entsprach.
Spontaneität, Improvisation und Menschlichkeit waren die Dreh- und Angelpunkte des ganzen Tages, auch wenn im Vorfeld eine gute Organisation die notwendige Voraussetzung war.

Jeder, der in den Park kam, schien sich auf ganz natürliche Weise miteinzubringen, entweder indem er bei der Band mitspielte, die Regenbogen-Zelte inspizierte, beim Thai-Stick-Tanzen mitmachte oder im Zelt der Geschichtenerzähler verschwand. Die Kinder konnten auch malen, oder sich schminken lassen.

Blau - Harmonie und Atmosphäre

Viele Teilnehmer und Besucher waren über die ruhige und entspannte Atmosphäre des bunten Treibens sehr erstaunt. Von außen betrachtet wirkten der Ablauf und das vielfältige Geschehen harmonisch miteinander verbunden, und die vielen Besucher, die durch den Park spazierten, fügten sich auf natürliche Weise in das Bild ein. Man hätte sicher nicht vermutet, dass bei dem bunten und harmonischen Treiben Menschen aus 12 Nationen zugegen waren.

Indigo - Tiefere Wirkung

Es hatte meines Wissens keiner bereut, gekommen zu sein. Wohl alle, die beim Festival mit dabei waren, zogen mit neuen Erfahrungen wieder von dannen und insbesondere um eine Erfahrung reicher: Wie bestärkend es doch sein kann, ein intensives, kreatives und für alle Sinne stimulierendes Wochenende mit etwas Schöpferischem zu verbringen.

Wie schön es doch ist mitzuerleben, was eine kleine Gruppe von Menschen jenseits aller individueller und nationaler Eigenheiten in kurzer Zeit Gemeinsames und Inspirierendes zustande bringen kann.

Violett - Ausblick

Am späten Nachmittag endete dieser Tag, es wurde Zeit, aufzuräumen. Wir hatten uns vorgenommen, den Park besser zu hinterlassen, als wir ihn angetroffen hatten. Was bleibt nun von diesem Erlebnis, einige Wochen danach, außer einer schönen Erinnerung?

Das Erleben und Erlebnis war eine Ermutigung und gleichzeitig eine Vision, so etwas noch einmal zu machen. Sicher wieder neu und wieder anders. Auch anderswo. Eventuell demnächst in England oder Deutschland. Vielleicht sind Sie ja mit dabe?

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