TOPAZ 8. Ausgabe 2003
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Grundmuster der sakralen Architektur
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Grundmuster der sakralen Architektur

Die Geschichte der sakralen Architektur repräsentiert beeindruckend und fortdauernd menschliche Entwicklung und zeigt, dass Menschen zu allen Zeiten etwas schaffen wollen, das über das Gewöhnliche weit hinausragt. Ein Bestreben sakraler Architektur war immer, dem Heiligen einen Raum zu schaffen, der in Einklang und Harmonie mit höheren Grundmustern steht. Und so findet man Hinweise in den Bauplänen der Sakralarchitektur, die auf größere Zusammenhänge und tiefere Bedeutungen des menschlichen Lebens hinweisen.

Entsprechend versuchen viele Baupläne sakraler Gebäude die natürlichen Gesetze, die jedes Lebewesen durchweben, widerzuspiegeln und erreichen dies durch Formgebung, Symbolik, Proportionen, Ornamentik u.v.a.m. Ein mittelalterlicher Sakralbau zum Beispiel folgt nicht einfach den persönlichen Ideen eines Architekten, so wie es heute oft der Fall ist. Die Baumeister der großen gotischen Kathedralen wie Chartres, Reims oder Notre-Dame respektierten und verehrten die fundamentalen Naturgesetze, die unveränderlich sind. Sie strebten danach, ihre Bauwerke in Übereinstimmung mit natürlichen Ordnungen zu gestalten.

Die Philosophie des Pythagoras, dass „alles nach Zahlen geordnet ist”, wurde ein Prinzip der Architektur und nicht nur in der Renaissance zur Grundlage der Theorien der Proportionen und der arithmetischen, geometrischen und harmonischen Maße, die man auf alle Kunstformen anwenden wollte. Die Zahlen z.B., die sich aus dem Satz des Pythagoras ergeben, nämlich 3, 4 und 5, bilden natürliche Formen von wunderschöner Symmetrie und inspirierten die Grundrisse der Renaissance-Architektur.

„Was ist Gott? Er ist Länge, Breite, Höhe und Tiefe”, sagt der heilige Bernhard von Clairvaux

Der goldene Schnitt findet sich in den Proportionen des menschlichen Körpers.

Viele Bauwerke wurden nach der heiligen Proportion 16:10 konstruiert, und die Zahl p spielt immer wieder eine herausragende Rolle. Der goldene Schnitt wurde als göttliches und heiliges Verhältnis betrachtet, das alle Formen des Wachstums bestimmt. Selbst die heutigen Kreditkarten sind im Verhältnis 16:10 proportioniert. In der Fibonacci-Reihe, die nach dem italienischen Mathematiker Fibonacci aus dem 13. Jahrhundert benannt worden ist, drückt sich dieses grundlegende Wachstumsmuster wie folgt aus: 0, 1, 1, 2, 3, 5, 8, 13, 21, 34, 55, 89, 144, 233...

Diese Zahlenreihe ergibt sich durch einfache Addition der zwei jeweils letzten Zahlen: z. B. 2 + 3 = 5, 5 + 8 = 13, und das proportionale Wachstum nähert sich der Proportion des goldenen Schnitts an. Der römische Architekt Vitruvius führte umfangreiche Studien über „heilige“ Proportionen durch und kam zu der Erkenntnis, dass die Zahl 16 heilig sei, denn 6 und 10 seien die Grundlage aller Proportionen des menschlichen Körpers. Diese Zahlen wurden zur Vorlage für die Proportionen vieler römischer Tempel. Außerdem kann man im Symbol des Pentagramms dieses göttliche Wachstumsverhältnis des goldenen Schnitts entdecken. Deshalb wurde die Gestalt des Menschen, die ein Pentagramm ist, als ein signifikantes Symbol des Wachstums innerhalb eines größeren Zusammenhangs angesehen.

Entsprechend ist die gleichzeitige Verwendung von Quadrat und Kreis ein grundlegendes Prinzip vieler Architekturformen. Das heutige Denken hat sich von dieser Art des Denkens, des Anlehnens an natürliche Grundmuster und Harmonien weit entfernt. Daher erscheint vieles, was in der modernen Welt entworfen und geschaffen wird, unserer eigenen natürlichen Grundstruktur sehr fremd. Mittlerweile redet man sogar schon vom „sick-building-syndrome“, davon, dass Gebäude die Menschen krank machen können. Wenn wir in unserem täglichen Leben nach den Grundmustern suchen, die auch in der Natur zu finden sind, können wir unsere Grundlagen und Rahmenbedingungen nach dem ausrichten, was bereits existiert und von einem größeren Architekten, als wir es sind, geschaffen worden ist.

von Trevor Muir, Architekt aus Nottingham, England

Der goldene Schnitt bestimmt die Proportionen von Santa Maria Novella in Florenz Die heiligen Nummern 5 und 7 in der Architektur der Kathedrale von Chartres
Heilige Geometrie im Tempel von Luxor,
Grafik von Schwaller de Lubicz

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