TOPAZ 8. Ausgabe 2003
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Über das Wesen und die Essenz Irlands - Eine musikalische Würdigung

Órla Ní Chéileachair ist Mitglied des „World Mosaic of Sound” (siehe Topaz 2), einer Vereinigung internationaler Musiker im Template Netzwerk. Im folgenden Assay, geschrieben in der liebenswürdigen, etwas anderen Denkweise einer echten Irin, macht sie sich Gedanken zum drohenden Verfall des „Irish Way of Life” und der Bedeutung der Rolle der Musik, das Wesen und die Essenz eines Landes zu würdigen und zu erhalten.

Eine Sache haben wir Menschen alle gemeinsam: Jeder ist an einem bestimmten Ort geboren, und egal, wo das auch sein mag: der Ort, an dem wir aufgewachsen sind oder leben, prägt uns auf eine besondere Art. Das Naturell eines Iren ist ganz anders als das Naturell eines Deutschen oder eines Franzosen oder eines Engländers... Diese Wesensarten, die zu den reizvollen Unterschieden von Ländern und Bräuchen führen, sind so deutlich zu spüren, als ob das Land, auf dem wir leben, uns mit einer Melodie erfüllt, die wir nicht hören können, und dennoch tanzen und leben wir zu dieser Melodie, ohne uns wirklich darüber bewusst zu sein, wir sprechen unterschiedliche Dialekte, tragen andere Trachten, haben anderes Brauchtum, denken andere Gedanken.

An dieser Stelle möchte ich über die Musik erzählen, die Irische Musik. „Jedes Land hat seine traditionelle Musik, in der das Volk seine Werte ausdrückte und in der sich die natürliche Eigenart des Landes äußert.” (Nick Woodeson, World Mosaic of Sound).
Gerade durch Musik kann man viel über Land und Leute erfahren. Ein Beispiel dafür ist der duale Charakter der irischen Musik, die oft entweder lebhaft und beschwingt ist oder aber sich sehnsuchtsvoll und getragen ausdrückt. Die lebhafte Natur irischer Musik kann von ausgelassener Heiterkeit bis zu einem trunkenen Zustand führen und ist ihren Freudentänzen, den Seemannstänzen und dem Reel so feurig wie das Feuer selbst. Diese Eigenschaft der Musik spiegelt sich im Verhalten der Iren wieder, ihrem schnellen und gewitzten Verstand, ihrer Liebe zu Geschichten und Witzen, die Bereitschaft, den „Craic” zu haben, sich total von etwas anstecken zu lassen und sich ganz darin zu verlieren.

Einen Kontrast hierzu bildet die sehnsuchtsvolle Musik, die sich in einer evokativen langsamen Melodie zu Hause fühlt. Manche der Gesänge haben die Kraft, uns mit ihrem Zauber in andere Welten zu entführen, hinein in tiefe unbekannte Gefühle, ruhig und still, wie der Nebelschleier, der über einem Mitternachtssee aufsteigt, sie sind durchdrungen von etwas, das einen nicht mehr loslässt, man wird berührt von etwas Großem und Unbekannten. Etwas rührt sich dann in unserem Inneren, die Augen bekommen einen seltsamen Glanz, und wir fühlen die Tiefe und Schönheit des Lebens bewusster. Aus dieser Musik entspringt Wohlbefinden und ein Gefühl der Sehnsucht nach dem, was das Leben lebenswert macht, dem Wertvollem. Dann wünscht man sich, dass dieses Gefühl nie zu Ende geht.

Und doch scheint ein neuer Einfluss durch Irland zu wehen. Seit einigen Jahren bemerke ich in Unterhaltungen mit meinen Landsleuten, dass mehr und mehr Besorgnis aufkommt , dass „the Irish way of life” sich stark am verändern ist. „Ja, das gehört jetzt der Vergangenheit an”, „Wir sind dabei, es zu verlieren”, „Es ist nicht mehr viel davon übrig”.
Man spricht dann von den einfachen Werten von gestern, dem Zauber des Lebens, und man sucht die Schuld bei den sich ändernden Zeiten, dem Aufstieg der irischen Wirtschaft und den Verlockungen durch den Euro.

Was spricht da durch meine Landsleute, dass ich es ständig höre, zu Hause, auf meiner Arbeit, im Restaurant oder im Tante-Emma-Laden nebenan? Was auch immer es ist, es scheint Menschen aller Art zu bewegen und vermittelt das Gefühl einer immer größer werdenden Unruhe und Besorgnis, die von einem Schatten der Resignation überdeckt wird. Ist es vielleicht die Stimme einer Nation, die zu ihrer ursprünglichen Weisheit zurückfinden will, die jetzt wieder erwacht und Luft holt, nach einem atemberaubenden und schwindelerregenden Rausch nach Geld, nach all den Jahrhunderten ohne Geld? Oder ist es der Leidensruf eines Landes, der die Menschen zur Besinnung zu rufen will?

Und wie soll man darauf reagieren, wie darüber nachdenken? Wenn wir über uns selber sagen, wir verlieren unsere Menschlichkeit und die Qualität unseres Landes, kommt das dann - wenn auch ungewollt - einer „self-fulfilling prophecy” (selbsterfüllende Prophezeiung) gleich? Die ganze Entwicklung erfüllt mich mit viel Sorge, denn ich kann nicht einfach nur zusehen, wenn mein Land seinen Charme, seine Bräuche und seine Lebensart verliert.

In nicht einer Unterhaltung, die ich in den vergangen Jahren hatte, drückte jemand seine Hoffnung für die Zukunft aus, nicht ein einziges Mal. Darum sehe ich die Gefahr einer „self-fulfilling prophecy”. Und genau aus diesem Grund beschloss ich zusammen mit Mitgliedern des Template Netzwerks in Irland, ein Konzert zu veranstalten, vielleicht auch als Anregung für andere, die ihre Heimat und ihre Mitmenschen lieben. Nicht als Nostalgie und Ruf nach Vergangenem, denn die Zukunft ist nicht aufzuhalten. Wie ich mich jedoch der Zukunft gegenüber positioniere, was mir wichtig ist zu bewahren, das ist auch die Aufgabe des Einzelnen.

Und so fand an einem zauberhaften Mittsommernacht-Abend im Juni das Konzert „Die Essenz von Irland – Eine musikalische Feier” im Moot Theater, Naas, Co. Kildare statt. Der atmosphärische Abend wurde zu einem reichen Tribut an die vielfältigen Ausdrucksweisen der Lebensart und der Atmosphäre Irlands. Insgesamt hatten sich 23 Musiker angeboten, auf dem Konzert zu spielen. Der Reinerlös kam einer örtlichen Flüchtlingsorganisation zu Gute. Es war eine helle Freude, mit eigenen Augen zu sehen, wie Menschen aus ganz Irland auf unsere Einstellung und unser Motiv für das Konzert reagierten. Voll irischem Feuer wurde der Abend eine lebendige Feier irischen Wesens: mit Geigern, Dudelsackspielern, Gitarren- und Mandolinenspielern, einem Harfenspieler und einem Flötist, Sängern und Geschichtenerzählern, und aus dem Ausland waren befreundete Musiker angereist. Die Zuhörer wurden mit munteren Liedern, Volkstänzen, Reels und Hornpipes erfreut, darunter auch einigen irischen Favoriten wie „The Lonesome Boatman”, „My Lagan Love”, „Mná na hEireman” sowie Musik aus anderen keltischen Ländern. Selbstverständlich wurden in guter irischer Manier auch Witze und Geschichten erzählt und kleine Ansprachen gehalten. Es war ein wunderschöner und gemütlicher Abend, in dem auch all die, die nicht aus Irland kamen, glücklich waren, „Irish” sein zu können.

Auf seine Art und Weise war das Konzert ein großer Erfolg, dem irischen Leben und seinem Zauber, Land und Leuten zu Ehren. In Dankbarkeit für alles was gut ist, verbunden mit dem Wunsch, dass die Zukunft noch besser sein möge.

Órla Ní Chéileachair, Ierland

Mehr Information über das „World Mosaic of Sound” gibt es unter www.worldmosaic.org

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