TOPAZ 5. Ausgabe 2002
Willkommen
Die ungesehenen Welten
Die Aura Dusche
Ohne Stress nach Feierabend
Am Ende dieses Lebens
Der Atem des Lebens
Das Theater Chinas
Filmbesprechung: Amélie
Hoffnungsträgerinnen des Frauseins
Eine altehrwürdige Tradition Geschichtenerzählen
Ihr persönlicher Farbtest zur Selbsteinschätzung

Hoffnungsträgerinnen des Frauseins

Marion Verweij, Nibs Bloem In der letzten Topaz-Ausgabe stellten wir Feminenza vor - ein internationales Netzwerk von und für Frauen. Diesmal sprachen wir mit Nibs Bloem und Marion Verweij aus den Niederlanden. Beide engagieren sich bei Feminenza. Marion Verweij wird in Kürze ein Buch mit dem Titel „Beacons of Hope“ (Hoffnungsträgerinnen) veröffentlichen. Es handelt von Frauen, die versuchen, die trostlose Lage vieler Geschlechtsgenossinnen rund um den Erdball zu erleichtern.

Topaz: Warum engagieren Sie sich bei Feminenza, und was an Feminenza ist für Sie wichtig?
Marion Verweij: Ich erlebe es mehr und mehr, und es bedrückt mich, dass von Jahr zu Jahr viele Menschen im Umgang miteinander die Menschlichkeit vergessen. Auch deshalb interessiert mich die Frage, was es eigentlich bedeutet, Mensch zu sein, insbesondere, was unser weibliches Menschsein, Frausein bedeutet und als Potential beinhaltet.

Nibs Bloem: Ich bin jetzt 61. Wenn ich zurückblicke weiß ich, dass ich schon als Kind gespürt habe und wusste, dass irgendetwas mit der Rolle der Frauen nicht stimmte. Bei Feminenza faszinierte mich die Suche nach Antworten auf Fragen wie: „Worum geht es beim Frausein, was heißt das eigentlich, und worin unterscheidet es sich vom Mannsein? Hat Frausein z.B. ein eigenes, besonderes Leitmotiv? Gibt es einen frauenspezifischen Weg, spezifisch weibliche Entwicklungsstufen im Leben?“

Topaz: Was hat Sie motiviert, sich mit dem Frauenbild auseinanderzusetzen?
Nibs Bloem: In den meisten Weltreligionen werden Frauen irgendwie für „sündhaft” gehalten, was natürlich weitreichende Auswirkungen hatte und immer noch hat. Will man etwas am gegenwärtigen Zustand ändern, begegnet man meist gleich am Anfang dieser Einstellung.

Marion Verweij: Da fragt man sich dann doch, woher kommt diese Vorstellung eigentlich? Denn in der ganzen Welt sind ja so viele Frauen davon betroffen. Ich versuche einen kleinen Beitrag zu leisten, ihnen zu helfen.

Nibs Bloem: Manchmal liest man Lebensbeschreibungen von Frauen und stellt dabei fest, dass diese Frauen so stark, ausgeglichen und reif waren, dass sie einen wichtigen Beitrag für die Gesellschaft leisten konnten, zum Beispiel die Amerikanerin Helen Keller, Florence Nightingale in England oder die holländische Jüdin Etty Hillesum, die beeindruckende Tagebücher hinterlassen hat. Es gibt viele Frauen, die ihren eigenen Weg gegangen sind und gezeigt haben, dass sie trotz der Situation der Welt oder ungeachtet dessen, was man über sie dachte, etwas bewirken konnten. Teil meiner Absicht ist es, mich mit solchen Frauen zu beschäftigen, denn sie haben nicht immer im Licht der Öffentlichkeit gestanden - mit Frauen, die eine Vision hatten, die sie beflügelt hat und für die sie sich eingesetzt haben. Es inspiriert mich, dass in der Welt etwas besser geworden ist, weil diese Frauen gelebt haben.

Nibs hat sich mit dem Leben von Etty Hillesum befasst, während Marion mehr über Frauen in anderen Ländern in Erfahrung gebracht hat. Topaz: Können Sie uns mehr darüber erzählen?
Marion Verweij: Ich wollte am Anfang mehr über die Lage von Frauen herausfinden, die nicht in einem so günstigen Umfeld wie wir in den Niederlanden leben. Da entdeckt man doch ziemlich Schreckliches. Ich kam mit Frauen in Kontakt, die alle versuchen, etwas dagegen zu unternehmen, daher der Titel meines Buches „Hoffnungsträgerinnen”. Ihre Lage ist zwar ziemlich trostlos, und dennoch versuchen sie, etwas daran zu ändern. Ich korrespondiere zum Beispiel mit einer Frau namens Agnes in Kenia. Sie ist ungeheuer stark, sie hat eine Herberge und eine Schule für Mädchen gegründet, die sonst auf der Straße leben müssten, weil sie sich geweigert haben, beschnitten und verheiratet zu werden. Agnes verhilft ihnen zu einer schulischen Ausbildung, damit sie später für sich selbst sorgen können. Ich finde das ungeheuer mutig. Und wenn ich ein Buch schreiben und ihr etwas Geld schicken kann, so ist das meine Art, ihr zu sagen: „Was Du tust, finde ich fantastisch.”... Mir sind viele Frauen begegnet, die sich auf ähnliche Weise engagieren.

Topaz: Wie sind Sie denn auf die Idee gekommen, über Frauen zu schreiben, die etwas gegen ihre schlechten Lebensbedingungen unternehmen?
Waris Dirie Marion Verweij: Die Lage vieler Frauen ist, wenn man sie näher ansieht, ziemlich düster. Ich wollte zum Beispiel wissen, wie viele Mädchen jedes Jahr beschnitten werden, und nach einer Statistik der Vereinten Nationen sind es zwei Millionen junge Frauen pro Jahr, mit anderen Worten 6.000 jeden Tag. Ich konnte diese Antwort zuerst gar nicht fassen. Und doch gibt es Frauen wie Agnes in Kenia, die an etwas glauben und versuchen, ein Zeichen zu setzen. Was hilft ihnen, immer weiterzumachen? Was gibt ihnen die Kraft? Kann ich sie irgendwie in ihrer Arbeit bestärken? Denn das Feminenza Netzwerk ist für alle Frauen in der Welt da. Es gibt viele Frauen wie sie, die nichts sehnlicher wünschen als ihre Lage zu verbessern. Über diese Frauen wollte ich mehr wissen.

Nibs Bloem: Dadurch haben wir uns auch kennengelernt. Obwohl mein Ausgangspunkt ein ganz anderer ist, ist die Absicht die gleiche: Ein Netzwerk zu schaffen und zu fördern, das Frauen in der Welt verbinden kann und in dem die Qualitäten einer Etty Hillesum, einer Maya Angelou, von Agnes und allen anderen Frauen, die in ihrem Leben etwas bewirkt haben, lebendig sind. Dieses Netzwerk gründet sich auf Qualitäten, aus denen jeder Kraft schöpfen kann. Die schwarze Amerikanerin Maya Angelou, die auch verschiedene Bücher geschrieben hat, ist sehr beeindruckend. Bedenken Sie nur, wo sie herkam und wie sie sich aus ihrer Lage befreit hat. Auf die Frage, woher sie ihr Selbstvertrauen nehme, antwortete sie: „Wenn ich einen Raum betrete, dann ist es so, dass 2.000 Frauen gleichzeitig mit mir eintreten.” Sie hat alle Kraft dieser Frauen verinnerlicht und hinter sich, und bringt sie in ihrer Erscheinung zum Ausdruck. Und das ist es, was wir für die Frauen in aller Welt tun können, nämlich sicherstellen, das es ein Verbindungsnetz gibt, sozusagen ein Internet voller Kraft und Qualitäten, das man anzapfen kann, um daraus Kraft und Mut zu schöpfen.

Marion Verweij: Als ich das erste Mal ein Rede zu diesem Thema gehalten habe, hatte ich eine ähnliche Erfahrung. Ich fühlte so viel Kraft. Ich war mir sehr bewusst, warum ich die Rede hielt, und ich fühlte, da war mehr als nur ich allein. Mein Engagement bei Feminenza macht mir Freude und Spaß, und sie scheint mir zu liegen.

Topaz: Was bringt Ihnen diese Arbeit persönlich?
Marion Verweij: Ich fühle, dass etwas Tiefes in mir angesprochen wurde, und dieses Etwas inspiriert und motiviert mich. Wenn jemand mir heute eine Frage stellt, kann meine Antwort manchmal recht lange dauern. Es ist, als wenn bestimmte Dinge ausgesprochen werden wollen. Und das passiert immer wieder so. Was diese und viele andere Frauen leisten, erscheint mir riesig. Aber ich bin überzeugt, dass ich auf meine Art etwas beitragen kann, etwas, das ich tun kann. Sogar manche meiner bisherigen Sorgen treten da oft in den Hintergrund, weil da jetzt etwas Wichtigeres ist, das mir sehr am Herzen liegt.

Nibs Bloem: Ich bin während des Krieges geboren, und als kleines Kind rührte mich das Schicksal der Juden. Ich glaube, dadurch, dass ich zum Beispiel das Leben von Etty Hillesum näher beleuchte, kann ich wieder etwas mehr Respekt für Leben, dem so übel mitgespielt wurde, in die Welt bringen. Ich lese oft ihre Tagebücher und denke darüber nach, wie ich selbst in dieser oder jener Situation gehandelt hätte. Ich finde so viel Integrität und Klarheit darin, und wenn ich diese Qualitäten auch in mir wecken und stärke und sie vielleicht auch anderen vermitteln kann, wer weiß, was das im Kleinen bewirken kann. Etty hinterfragte kritisch ihr eigenes Verhalten und scheute sich nicht, ihre eigenen Unzulänglichkeiten anzunehmen und an sich zu arbeiten. Ich denke, dass man im Leben genau das tun muss, man sollte die Dinge, die man nicht für richtig hält, selbst unterlassen. Nur dann hören sie auf. Ich weiß, das ist gar nicht so einfach, - aber sei‘s drum. Denn wir können bestimmte Dinge unterlassen und andere in die Welt bringen und fördern. Die Entscheidung liegt bei jedem selbst.

Interview: Gerda van Schaik

Für mehr info besuchen Sie www.feminenza.org.

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