TOPAZ 5. Ausgabe 2002
Willkommen
Die ungesehenen Welten
Die Aura Dusche
Ohne Stress nach Feierabend
Am Ende dieses Lebens
Der Atem des Lebens
Das Theater Chinas
Filmbesprechung: Amélie
Hoffnungsträgerinnen des Frauseins
Eine altehrwürdige Tradition Geschichtenerzählen
Ihr persönlicher Farbtest zur Selbsteinschätzung

Das Theater Chinas

Hier ein weiterer Auszug (vgl. Topaz Nr. 3) aus "The Tear - Studies in World Theatre and Dance" von John Turner, London.

Die Ursprünge des chinesischen Theaters im goldenen Zeitalter Chinas vor mehr als 3000 Jahre liegen im Dunkeln und gründen sich auf Mythen und Legenden. Lediglich einige Bruchstücke sind geschichtlich nachweisbar. Studiert man jedoch die Form des chinesischen Theaters, das während des 3. Jahrhunderts in Tempeln und Höfen entstand, kann man Rückschlüsse ziehen auf ein Theater, das vorher existierte. Mehr als vielen anderen Nationen ist es den Chinesen gelungen alte Werte und Traditionen fast unverändert zu bewahren. Ihre Hochachtung vor den heiligen Geheimnissen der Vergangenheit erlaubt uns Einblicke in eine Zeit, in der Theater als natürlicher und intuitiver Teil der Beziehung zwischen Mensch und Universum angesehen wurde.

Das Erbe der chinesischen Kunst ist ein Schatz voller Schönheit, Geschicklichkeit, Feinheit, Kraft und Anmut: Wir erkennen dies in der Feinheit der Aquarelle, in den einmaligen Ärmeltänzen, in den esoterisch verschlüsselten Masken und Kostümen, in der erhabenen Schönheit und Beschwörungskraft der Sprache.

Wohl nirgendwo sonst erhält man einen so tiefen Eindruck davon, wie eine Kunstform die andere ergänzt, wie jedes Werk als ein kleiner Beitrag zu einem wesentlich größeren Ganzen angesehen werden kann. Kostüme, Gesichtsausdrücke, Musik, Farbe und Sprache antworten in ihrem Zusammenspiel harmonisch auf die Kraft oder all die Kräfte und Einflüsse, welche diese riesige Zivilisation bewegt und bewegt haben. Die lyrischen Titel ihrer Lieder und Tänze rufen traumhafte Bilder wach: "Gesang für regenbogenfarbene Wolken und klares Wasser" , "Der Arzt aus dem Osten ändert die ganze Erde" oder die "Die Versammlung der himmlischen Schauspieler", eine antike Varietéshow.

Ein Schauspielschüler des "Birnengartens" zu sein, einer Theaterschule und -truppe im achten Jahrhundert vor Christus, bedeutete in einer Welt von außergewöhnlicher Feinfühligkeit zu leben, es bedeutete die Sprache der Farben zu lernen, den Wert und die Güte der Farbe Blau, die Ehre der Farbe Rot, die Majestät der Farbe Gelb. Die Kraft einer einfachen Geste wurde kunstvoll entwickelt, ebenso die Ausdrucksvielfalt von Handbewegungen. Die Ärmeltänze beschwören eine Zeit herauf, in der eine Bewegung mehr ist als nur eine Bewegung, sie ist Ausdruck eines inneren Zustandes und Erlebens, das sich dann farbenprächtig und harmonisch enthüllt und entfaltet und den Zuschauer in seinen Bann zieht. Die rechte Hand hat dabei eine beruhigende Funktion, die linke belebt. Mindestens fünfzig verschiedene Handbewegungen galt es zu lernen, jede hatte eine besondere Bedeutung.

So war das chinesische Theater die Einladung in ein Welttheater, überreich an Bildern und wundervollen Eindrücken. Am siebten Tag des siebten Monats wurden z.B. jahreszeitliche Spiele wie "Die Durchquerung der Milchstraße" aufgeführt. Es gab geheimnisvolle Geschichten um Helden, Schurken, Götter und Dämonen. Aufwendig hergestellte Schattenspielfiguren bewegten mit großem Geschick das Publikum. Eine besondere Anmut ging von den Tänzen mit Federn und bemalten Fächern aus.

Theater in China war nie eine Kunst um ihrer selbst Willen. Es war wie eine Reise, eine Suche hin zu mehr innerer und äußerer Feinheit, ein Versuch, sich selbst in Tugenden wie Rechtschaffenheit, Pflichterfüllung und Mitleid einzustimmen. Und all dies nicht nur zu spielen, sondern auch zu leben. Und so wurden Tänze, Musik und Aufführungen zu charismatischen Ereignissen, die den Zuschauer tief bewegten.

Eindrücke, Sinneswahrnehmungen, und Eingebungen, prägen uns Menschen. Denn die Eindrücke bleiben in unserem Gehirn gespeichert, bewusst oder unbewusst. Unsere persönliche Denkweise ist wie ein Filter, sie entscheidet, welche Eindrücke wir, auch unterschwellig, in unser Bewusstsein lassen, was wir speichern und was nicht. Die Eindrücke, die Eingang finden, füllen und beleben dann die Bühne unseres Geistes, unseres Geisteslebens.

Die chinesische Kunst und das chinesische Theater sind eng verbunden mit der Funktion des menschlichen Geistes. Sie stärken die Vorstellungskraft und das Gefühlsleben. Ihre besondere Kunst liegt in der Vermittlung und Übertragung von Impressionen, Symbolen, Kodierungen und Gedankenbildern. Es sind schlichte und anmutige Bilder: Der Maler malt sie mit dem Pinsel und der Tänzer stellt sie dar mit einer kleinen Bewegung oder einem Gesichtsausdruck.

Betrachtet man die bemalten Masken, die im chinesischen Theater benutzt werden, stellt sich die Frage nach ihrem Ursprung und Zweck, nach dem Wesen des menschlichen Gesichts. Vielleicht funktioniert es ähnlich wie ein Fernsehgerät: Die eigentliche Szene wird im Studio gefilmt und aufgenommen, dann in verschiedenartige elektrische Signale umgewandelt, die zum Fernsehgerät übertragen werden, wo sie mit Hilfe der Kathodenstrahlröhre in sichtbare Bilder zurückverwandelt werden. Das menschliche Gesicht ist ein solcher Bildschirm, der in seinem Ausdruck und Aussehen zeigt, was in uns vorgeht, Freude, Zweifel, Sorge oder Liebe. Und neben dem Ausdruck, den wir auf einem Gesicht sehen, ist da auch die Ausstrahlung, die von einem Gesicht ausgeht, oft schwieriger zu fassen, aber immer spürbar. Mit diesem Verständnis beginnt man, Maskentheater und bemalte Gesichter neu zu würdigen.

Das Bühnenbild des chinesischen Theaters ist wohl eins der einfachsten der Theaterwelt, mit fast leerem Hintergrund und wenigen Requisiten. Die einzige wichtige Dekoration ist der Schauspieler mit seinem farbigen Kostüm und bemalten Gesicht, die das Wesen und die Qualität des gespielten Charakters klar hervorheben und betonen. Die Handlung ist nicht so wichtig wie der Ausdruck dessen, was den Charakter ausmacht und ihn beeinflusst. Alles andere bleibt der Vorstellungskraft der Zuschauer überlassen. Weil grundlegend Menschliches vorgeführt wurde, stand die Persönlichkeit des Schauspielers nie im Vordergrund. Diese Unpersönlichkeit wurde verstärkt durch die Masken, die dem Schauspieler jegliche persönliche Eigenschaft nehmen und dem Zuschauer damit erlauben, das Gesicht einer überindividuellen Wesenheit oder Qualität zu sehen. Feste Masken wurden erst später eingeführt, zu Beginn stand die Kunst, mit Gesichtern Zustände exemplarisch auszudrücken und hervorzurufen. Was heute fest und fixiert geworden ist, war früher wie fließendes Wasser - frei beweglich, spontan, erheiternd und erhöhend.

Maskentheater, wie es heute existiert, ist also der letzte Akt einer Theaterform, die in ihrer Ursprünglichkeit lange verloren gegangen ist - und nichtsdestoweniger lebt. Drückt sich im Staunen auf dem Gesicht eines Kindes nicht etwas überpersönlich Wesentliches aus? Ist der Ausdruck der Sehnsucht im Gesicht junger Liebenden nicht ein Wesensgesicht? Haben nicht Mut, Ehre, Beharrlichkeit, Trotz ihr eigenes Gesicht?

Die chinesischen Ärmeltänze sind mit den Flügeltänzen vergleichbar, die es in vielen Kulturen, z.B. in Ägypten, Persien und bei den nordamerikanischen Indianern, gegeben hat. Für die Chinesen gehörte der Ärmeltanz zu den religiösen Tänzen, die später "Kleine Tänze" genannt wurden. Es waren Tänze mit farbiger Seide, Federn, Federbüschen, Bannern, Schilden und eben den verlängerten Ärmeln. Die Ärmeltänze galten als eine Beschwörung der Sterne und ein großes Einswerden. Sie können als Symbol verstanden werden für den Wunsch, seine Flügel zu gebrauchen, um zu den Sternen zu fliegen, für die Sehnsucht unseres Geistes, an den Ort seiner Herkunft und fernen Heimat zurückzukehren.

Das chinesische Theater ermutigt, die eigene Vorstellungskraft zu befreien und fortzuentwickeln, zu fragen und zu träumen, was wohl einst das großartige und erhabene Theater von Gold und Gelb, von Bernstein und Opal war, das in einer einzigen Bewegung oder Geste einen höheren Geisteszustand oder ein Wissen auf alle Teilnehmer übertragen konnte, die offen dafür waren. Heutzutage sind wir so sehr gewöhnt an all die Farben und Bewegungen um uns herum, dass wir uns nur mit Mühe die enormen Kräfte vorstellen können, die von Farben und Bewegungen ausgehen, die sparsam mit exaktem Ziel und überlegter Leidenschaft eingesetzt werden.

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