TOPAZ 5. Ausgabe 2002
Willkommen
Die ungesehenen Welten
Die Aura Dusche
Ohne Stress nach Feierabend
Am Ende dieses Lebens
Der Atem des Lebens
Das Theater Chinas
Filmbesprechung: Amélie
Hoffnungsträgerinnen des Frauseins
Eine altehrwürdige Tradition Geschichtenerzählen
Ihr persönlicher Farbtest zur Selbsteinschätzung

Der Atem des Lebens...

Der Zauber in den Geschichten, die wir uns selbst erzählen.

Langsam bewegt sich der Geschichtenerzähler auf den Stuhl zu. Er trägt einen Schlapphut in der Hand, und auf seinem T-Shirt ist ein Drachen aufgedruckt. Nachdem er sich gesetzt hat, hält er einen Moment inne und wartet, bis sich Aufmerksamkeit und Ruhe im Raum einstellen. Hundert neugierige Augenpaare sind auf ihn gerichtet - neugierig nicht allein auf den Erzähler, sondern auch auf die Geschichte, die gleich beginnen wird und deren Atmosphäre schon langsam den Raum erfüllt. Die Spannung wächst. Der Geschichtenerzähler setzt sorgsam seinen Hut auf, beugt sich über den Tisch, um nach einer kleinen Glocke zu greifen, und läutet. Es kann beginnen...

Der Ort des Geschehens ist ein Asylantenheim in einer kleinen Stadt in den Niederlanden. Fast alle Kinder und viele Erwachsene sind gekommen, um den Auftritt der Geschichtenerzähler mitzuerleben. Ob alt oder jung, ob aus West oder Ost, ob Junge oder Mädchen, schöne und spannende Geschichten faszinieren wohl jeden Menschen. Topaz hat ein Gespräch geführt mit den Geschichtenerzählern Mike und Marlies Woudstra aus Leiden, Holland.

Marlies: Jeder Mensch ist schon in sich selbst eine Geschichte, und wir alle sind hier und leben, um unsere eigene Geschichte zu erleben und zu erzählen. Denn warum führen viele Menschen eigentlich fleißig Tagebuch? Ist das nicht die Geschichte, die sie sich selber über ihr Leben erzählen?
Durch das Erzählen von Geschichten versuchen wir das Besondere im Alltäglichen festzuhalten. Und dadurch lernen und erfahren wir, dass das Leben eine einzige lange Kette von außergewöhnlichen Ereignissen ist - wenn ich in der Lage bin, das so wahrzunehmen.

Mike: In den meisten Kulturen der Welt war die Kunst des Geschichtenerzählens Teil des Lebens. In alten Zeiten dauerten Familienbesuche vielleicht drei Tage anstatt drei Stunden, und das Erzählen von Geschichten war ein wesentlicher Bestandteil, wenn Menschen miteinander kommunizierten. Heute wird die Kunst des Geschichtenerzählens häufig durch Fernsehen ersetzt, wenngleich sie auch in vielen Ländern allmählich wieder im Kommen ist.

Ich glaube, Geschichtenerzählen trägt dazu bei, dass man kontinuierlicher und konzentrierter denkt und ruhiger wird. Es fördert die Selbstreflexion: Geschichten können z.B. helfen, besser die eigenen Empfindungen wahrzunehmen. Außerdem nähren die zeitlosen Geschichten über Tugenden wie Courage, Gerechtigkeit oder Treue unsere Gefühlswelt. Ich bin der Meinung, dass Geschichtenerzählen für unser Gehirn eine ganz besondere Quelle der Inspiration bildet, denn es fördert kontinuierliches Denken, und diese Form von Nahrung bekommt unser Gehirn in unserer heutigen hektischen Zeit mit ihren vielen ständigen Unterbrechungen zu wenig. Unser Geist liebt es außerdem, sich Dinge vorzustellen, und darum liebt er auch Geschichten über die Zukunft, von dem was sein könnte, sein wird, was vielleicht kommen wird...

Was hörst du?

Ein Student der Biologie ging mit einem berühmten Wissenschaftler eine sehr belebte Straße entlang. Plötzlich hielt der Wissenschaftler inne und sagte: “Was hören Sie?” „Ich höre die vielen Menschen um uns herum, den Lärm der Straßenbahn, und viele Autos”, antwortete der Student. „Was hören Sie noch?”
„Sonst nichts”, antwortete der Mann. „ Hören Sie nicht auch eine Grille?”, fragte der Wissenschaftler. Dann ging er zielstrebig durch die Menge hindurch zu einem Mauervorsprung. Dort hob er einen Stein auf, darunter saß eine Grille, die fröhlich zirpte. Der angehende Biologe war höchst verblüfft: „Wie haben Sie das hören können?” „Oh, das ist doch gar nichts,” antwortete der Wissenschaftler, „ich zeige Ihnen etwas noch viel Interessanteres, kommen Sie.” Er führte ihn zum Bürgersteig zurück, blieb mitten in der Menschenmenge stehen, griff in seine Tasche und holte eine Münze hervor. „ Passen Sie mal auf!“ Dann ließ er das Geldstück fallen. Es klimperte. Jeder im Umkreis von 5 Metern hielt inne und horchte auf.
„Nun, was sagen Sie dazu?”, sagte der Wissenschaftler, „ ich werde Ihnen jetzt eine Wahrheit verraten: Wir Menschen hören nur, was unsere Konditionierung uns erlaubt zu hören, und wir sehen auch nur das, was wir gelernt haben zu sehen.”

Mike und Marlies Woustra sind Mitglieder im internationalen Netzwerk „The Ring of Turquoise“ (Der türkisfarbene Kreis - Türkis steht für Weisheiten aus alter Zeit), das im Jahr 1995 von Ifat und Rami Zor in Israel gegründet wurde. Daraus ist mittlerweile eine internationale Gruppe von Geschichtenerzählern in Europa, Israel, Amerika und Neuseeland gewachsen. Zusammen mit Ian Philips leiten Marlies und Mike den „Ring of Turquoise“ in den Niederlanden.

Mike: Die Motivation unserer Arbeit ist es, die Kunst der Kommunikation durch Geschichtenerzählen anzuregen und zu fördern. Wir geben Auftritte und Vorführungen und halten auch Workshops ab. An den Workshops nehmen ganz unterschiedliche Menschen teil, einige wollen einfach freier im Umgang mit anderen werden, andere kommen aus beruflichen Gründen - wie Lehrer, Kindergärtner oder Altenpfleger. Der Zauber von Geschichten liegt darin, dass sie frei machen können, das Leben neu zu sehen und auszudrücken.

Topaz: Worin besteht das hauptsächliche Training eines Geschichtenerzählers?
Mike: Die eigene Sprache wiederzuentdecken ist ein ganz wichtiger Ausgangspunkt. Es ist wohl die Liebe zur Sprache, die einen Geschichtenerzähler ausmacht. Sprache ist etwas Wunderbares, mit dem man komponieren kann. Gute Erzähler sind Meister der Beschreibung, der Analogie und der Bilder, ebenso Meister von Rhythmus und Rhetorik. Sie beherrschen die Künste der Gestik, Geschwindigkeit, Zeitgebung und brauchen natürlich viel Humor – ihre Sprache kann besänftigen, entwaffnen, sie kann beruhigen, bezaubern oder erheben und befreien. Erzählerinnen und Erzähler sind Zauberer von Stimmungen und Atmosphären; sie können Menschen wie auf einem magischen Teppich in andere Zeiten und ferne Länder entführen. Wir setzen auch spezielle Übungen und Techniken ein und greifen auf Requisiten, Zeremonien, Glocken und Hüte zurück- alles, um unsere Kunst zu verbessern und weiterzuentwickeln.

Wir freuen uns natürlich, dass unsere Workshops gut ankommen, und meistens ist es auch ein großer Spaß, beim dem gerade der Humor nicht zu kurz kommt. Es gibt einen passenden irischen Spruch: „Wenn Du so sehr lachst, dass dir die Tränen die Wangen runterlaufen, dann kannst Du gar nicht älter werden.!”

Topaz: Was gebt ihr für Vorstellungen?
Marlies: Unsere Vorstellungen gestalten wir ganz nach den jeweiligen Bedürfnissen. Vorstellungen für Kinder enthalten oft Geschichten, die die Entwicklung eines Kindes fördern. Vorstellungen in Asylantenheimen haben eher Themen, die einigend wirken oder das Selbstbewusstsein stärken. Wir sammeln und schreiben Geschichten, die Werte zum Ausdruck bringen, die in unserer Zeit und Generation zu kurz zu kommen scheinen.
Geschichtenerzählen im „Ring of Turquoise“ ist auch eine ganz persönliche Entwicklungsreise. Es ist, als ob man Samen in Form von Tugenden und Lebensweisheiten in den fruchtbaren Boden des Bewusstseins aussät. Denken Sie an das bekannte Märchen vom „Standhaften Zinnsoldaten“ und andere weltbekannte Geschichten, z.B. von den Gebrüdern Grimm.

Mike: Darum interessieren wir uns so für die persönlichen Stories von Leuten. Ich glaube, wir sind selbst ganz gute Zuhörer. Alte Menschen haben oft bemerkenswerte Geschichten zu erzählen, von Werten und Begriffen aus ihrer Zeit. Auch ist das von Land zu Land ganz verschieden. Wie andere Geschichtenerzähler in der Vergangenheit versuchen wir im Kleinen, Aspekte der Menschheitsgeschichte, die sonst vielleicht vergessen werden, zu bewahren und weiterzugeben. In unserer schnellen Zeit ist es wichtig, unser großes Erbe festzuhalten, während wir uns auf all die Begebenheiten freuen, die es noch zu erzählen geben wird.
Letzten August trafen sich Mitglieder des internationalen Netzwerks für mehrere Tage in Holland, reisten durch das Land, besuchten Vorstellungen und gaben Auftritte bei verschiedenen Veranstaltungen in Altersheimen, in einem Kinderkrankenhaus, einem Theater, einem Asylantenheim und in einem Zelt auf dem Marktplatz in Gouda.“

Topaz: Alle Religionen haben ihre Überlieferungen, und jede Nation und jedes Land hat seine Epen und Sagen, die von Generation zu Generation weitergegeben werden. Worin besteht die Aufgabe eines Geschichtenerzählers?
Mike: Man könnte sagen, dass der Geschichtenerzähler ein Historiker ist, der das Beste aus dem gemeinsamen Schatz der menschlichen Erfahrung nimmt, diese „Vitamine“ bewahrt und sie an die nächste Generation weitergibt, damit diese das beste Erbe als Grundlage für ihre eigene Zukunft erhält. Aus einer anderen Perspektive ist der Geschichtenerzähler ein Mittler zwischen dem, was ist, und dem, was noch nicht geschehen ist, aber bereits in der Vorstellung des menschlichen Geistes existiert.

Wenn ich mir die Gesichter unserer Zuhörer oder Teilnehmer genau ansehe, dann registriere ich oft ein tiefes Wohlgefühl in ihren Zügen, und das durchdringt die ganze Atmosphäre. Dies sind dann die besten Momente, in denen es scheint, als ob die Menschen von innen heraus zuhören, mit mehr als nur ihren Ohren. Solche Augenblicke sind zeitlos und ganz besonders wertvoll, und niemand möchte in einem solchen Moment, dass die Geschichte zu Ende geht. Aber dann, etwas unverhofft, läutet plötzlich wieder die Glocke ...“

Interview: Lotten Kärre

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