TOPAZ 4. Ausgabe 2002
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Philosophisches Essay und Öffentlichkeitsarbeit
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Altenheim-Projekt in Holland

‘Alte Menschen verdienen das Beste, was wir Ihnen geben können, denn Sie haben Ihr Bestes gegeben als wir jung waren.’

Otto Bignell (37) arbeitet in einem Altersheim in Oegstgeest bei Leiden in Holland als Verwalter. Die Belegschaft ist engagiert, motiviert und dem Wohl der Heimbewohner verpflichtet. Es fiel Otto Bignell auf, dass es trotzdem oft nicht möglich war, auf die persönlichen inneren Wünsche und Bedürfnisse der alten Menschen in der wichtigen Endphase ihres Lebens einzugehen, einfach aus Mangel an Zeit und Geld. Um dem abzuhelfen, sucht er neue Wege, die Bemühungen der Supervisoren und des Personals zu unterstützen, was zu einer Reihe von ungewöhnlichen Projekten geführt hat. Heute ist Otto Mitglied des Managementteams, und für die Tagesaktivitäten der Heimbewohner und die Koordination der freiwilligen Helfer verantwortlich. Er will eventuell ein neues Alten-und Pflegezentrum gründen, in dem den Bewohnern professionelle Pflege in Respekt und Achtung Ihrer Menschenwürde garantiert ist.

Warum setzen Sie sich so engagiert für das Wohl der alten Menschen ein?

Ich kann Ihnen viele Geschichten von fehlender Fürsorge und Menschlichkeit erzählen. Da ist die Geschichte eines 91jährigen Ägyptologen, der sein ganzes Leben lang studiert und geforscht hat. Er ist heute mental so fit wie früher, aber körperlich instabil. Deshalb braucht er die Fürsorge eines Altersheims für seinen Körper. Aber was ist mit seinem Geist? Er muss seine letzten Tage ohne seine Bibliothek verbringen, abgeschnitten von seinem Lebensinhalt.

Ein anderes bezeichnendes Beispiel ist die Art, wie mit dem Tod eines Bewohners umgegangen wird. Der Verstorbene wird ohne Aufsehen weggebracht; mit der gutgemeinten Begründung, dass wir die anderen, deren Leben sich dem Ende nähert, nicht mit dem Tod konfrontieren wollen. Wenn wir jedoch gemeinsam eine „gute Reise” wünschen und die guten Eigenschaften der verstorbenen Person in Erinnerung rufen würden, könnte der Tod einen natürlichen Platz in unserem Leben gewinnen. Es gibt viele andere Beispiele dafür, dass das Pflegepersonal einfach nicht in der Lage ist, die besondere Aufmerksamkeit aufzubringen, die eine sterbende Person benötigt.

Viele solche Beispiele und Geschichten ließen mich überlegen, wie man helfen und zumindest einen kleinen Unterschied machen könnte. Das erste Projekt war ein Wohnzimmer für altersverwirrte Menschen. Wir gestalteten einen Raum in typischen Stil der 50er Jahre, wodurch eine vertraute und sichere Umgebung für viele Bewohner entstand, die früher oft ziellos im Hause umhergewandert sind.

Der Erfolg dieses ersten Versuches brachte Sie zu einem weiteren wohlüberlegten Schritt: Sie stellten einige Aquarien im Heim auf. Warum?

Forschungen an Universitäten in Amerika haben ergeben, dass Aquarien besonders bei Senioren ein spezifisches Wohlbefinden auslösen können. Wenn Alzheimerkranke in ein Aquarium schauen, scheinen sie entspannter und ruhiger zu werden. Die Template Foundation Netherlands sponsorte den Kauf von drei Aquarien, eines davon ist zweieinhalb Meter lang.

Wie haben die Bewohner darauf reagiert?

Schon jetzt, nur ein paar Monate später, gibt es Geschichten, die den positiven Einfluss zeigen. Da ist zum Beispiel eine alte Dame, die zweimal in der Woche zum Aquarium gebracht werden möchte und die dann stundenlang schaut. Eine andere Dame sagte mir neulich: „Wenn Gott nur diese Fische erschaffen hätte, wäre das allein schon unglaublich.”

Wie ist es Ihnen gelungen, näheren Kontakt mit den Bewohnern aufzunehmen?

Nun, ich habe begonnen, mit jedem einzelnen mehr Zeit zu verbringen, mit der Bitte mir verstehen zu helfen, wie es ist, alt zu sein. Meine Arbeit ist es, Aktivitäten für sie zu organisieren, und dafür muss ich verstehen, wie es ist, in ihrem Alter zu sein. Diese Gespräche haben jetzt schon eine neue Art Beziehung herbeigeführt, über die wir uns alle freuen, und es hat mich beeindruckt, wie sehr die alten Menschen diesen menschlichen Kontakt brauchen und vermissen.
Das ist überraschend, wenn man in Betracht zieht, dass Sie mit vielen anderen Menschen zusammenwohnen und es viele organisierte Aktivitäten gibt. Das sollte doch eine Menge menschlicher Kontakte ermöglichen.

Viele der alten Menschen haben ihren Lebenspartner verloren, mit dem sie alles geteilt haben, oder ihre Freunde und Gefährten, und jetzt leben sie mit hundert Leuten zusammen, die sie nicht kennen. Ja, es gibt viele Aktivitäten, aber mit wem teilt man die ganz persönlichen Augenblicke seines Lebens? Ich denke, wir sollten jemand als „Vollzeitohr” einstellen, einen berufsmäßigen Zuhörer. Ich glaube, dass es genauso wichtig ist, über das sprechen zu können, was in einem vorgeht, wie die körperliche Versorgung. Um wenigstens damit anzufangen, habe ich begonnen, eine Kassettenbibliothek aufzubauen. Die Menschen können dann Gesprächen zuhören über Würde oder Einsamkeit oder über Angst vor dem Sterben oder wie man mit Verlust umgeht. Es gibt auch Kassetten mit Geschichten und Musik.

Ihre nächste unkonventionelle Initiative war, einmal in der Woche einen „Fußwäscher“ einzustellen.

Es ist wunderbar, die gute Wirkung dieser Maßnahme auf die Menschen zu sehen. Sie erleben sich in einer besonderen Art und Weise. Der Fußwäscher weicht ihre Füße in warmen Wasser ein, trocknet sie dann und cremt sie ein. Die alten Leute bekommen auch ein heißes feuchtes Handtuch, um ihr Gesicht und ihre Hände zu reinigen. Diese Art von Zuwendung kann gar nicht überschätzt werden, sie sollte eine normale Praxis in allen Altersheimen werden!

Im Dezember 2001 haben sie mit Hilfe eines Sponsors eine Anzeige in einer holländischen Zeitung aufgegeben. Sie haben an die Regierung appelliert, von jeder Person, die Steuern bezahlt, für die Unterstützung der Alten einen Euro einzubehalten, und Sie haben an die Bevölkerung Hollands appelliert, dies zu unterstützen. Was hat Sie zu dieser Initiative motiviert?

Die Alten von heute haben für uns gesorgt, als wir jung waren, und sie verdienen die bestmögliche Lebensqualität. Aufgrund dieser Anzeige erhielt ich mehr als 50 positive Rückmeldungen. Ich habe diese Rückmeldungen gebündelt an die Regierung, die Vorsitzenden der politischen Parteien, große Unternehmen und prominente Bürger geschickt. Es sind internationale Kontakte mit den USA, Großbritannien, Belgien, Deutschland und Australien entstanden.

Es ist ihre Absicht, eine neue Art von Pflegezentren für Alte zu schaffen, wenn es die Mittel erlauben. Wie sollen diese Heime aussehen?

Angemessene professionelle Versorgung und gute praktische Pflege sollten an erster Stelle stehen, dabei sollten wir besonders darauf achten, dass unsere Arbeit von Menschlichkeit und Respekt getragen ist. Spezielle Farben, Formen, Möbel, besondere Gärten und vieles andere könnten helfen, das Leben und den Abschied von diesem Leben so menschlich und angenehm wie nur möglich zu machen.

Sie sprechen über den Abschied vom Leben. Wie reden Sie mit den Alten über das Sterben?

Auf Wunsch der Direktion habe ich angefangen, Gruppengespräche über verschiedene Themen wie Tod, Sterben oder den Weg, in Würde alt zu werden, anzubieten. Die Bewohner fragen inzwischen nach Abenden, die sich mit einem bestimmten Thema befassen, zum Beispiel: „Würde”. Viele ältere Menschen sind nicht besonders stolz auf ihre eigenen Erfahrungen und Weisheiten, oft sind sie stolzer auf ihre Kinder als auf sich selbst. Der Mangel an Anerkennung durch ihre Umgebung kann diese Gefühlslage noch verstärken. Ich versuche durch Diskussionen den Blick dafür zu öffnen, wie man in Würde alt werden kann, obwohl viele Fähigkeiten (z.B. Sehen, Hören, sich Bewegen) schwinden.

Haben Sie sich durch einen veränderten Umgang mit alten Menschen selbst geändert?

Ich habe vor allem ein größeres Verständnis dafür gewonnen, wie es ist, alt zu sein, und ein tiefere Wertschätzung des besonderen Reichtums des Altseins. Die alten Menschen können eine Fülle bewegender und erstaunlicher Geschichten erzählen. Jeder besitzt eine Schatztruhe von Lebensweisheiten, die er aus der eigenen Erfahrung gewonnen hat.

Was halten ihre Mitarbeiter von diesen neuen Initiativen und Projekten?

Anfangs waren sie etwas misstrauisch, aber mittlerweile gibt es große Zustimmung und eine gute Zusammenarbeit mit dem Pflegepersonal und anderen Beteiligten.

Interview: Josina van Schaik

Otto Bignell können sie erreichen unter: P.O. Box 461, 2300 AL Leiden , Holland.

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