TOPAZ 4. Ausgabe 2002
Willkommen
Feminenza - internationales Frauennetzwerk
Die Botschaft des Wassers
Filmbesprechung: A Beautiful Mind
Die menschliche Template
Lustige Rätsel
Umgang mit Kindern
Musik durch drei Jahrhunderte
Philosophisches Essay und Öffentlichkeitsarbeit
Neue Ansätze in der Altenpflege
Philosophisches Essay und Öffentlichkeitsarbeit
Der Pavillion der Farben

Wir stellen vor: Feminenza, ein neues internationales Frauen-Netzwerk

Photograph Die Emanzipation der Frau, ein langer Weg.

Die Etablierung der Frauenrechte, die in den letzten hundert Jahren wenigstens im Abendland stattgefunden hat, kann verstanden werden als die Wiederannäherung an einen ursprünglicheren Zustand zwischen Männern und Frauen, der geschichtlich gesehen einen Riss erhielt in der sogenannten „Achsenzeit” (800 - 200 v. Chr.). Historiker bezeichnen diese geschichtliche Periode als Achsenzeit, weil die vielen religiösen und denkerischen Neuansätze dieser Zeit eine weittragende Wirkung auf das menschliche Bewusstsein hatten.
In den Lehren, die in dieser Zeit entstanden sind,Taoismus und Konfuzianismus in China,Buddhismus in Indien,Monotheismus im Mittleren Osten und Iran, griechische Philosophie in Europa – gibt es trotz großer Unterschiede einige fundamentale Gemeinsamkeiten. Einer der gemeinsamen Wesenszüge ist die Betonung ethischer und moralischer Fragen, die bedauerlicherweise zu einer gesellschaftlichen Statusminderung von Frauen führte, die von nun an als mindere Wesen empfunden wurden. Christentum und Islam entstanden später und in ihren Ursprüngen sind die frauenfeindlichen Einstellungen kaum nachweisbar.
So werden zum Beispiel im Koran die Gleichheit und ergänzende Natur der Geschlechter gepriesen. Die Gleichung Frau = minderwertig hatte jedoch schon so an Einfluss gewonnen, dass mit der Zeit auch in diesen beiden Religionen die Norm der Mehrheit die Überhand gewann.

Vor Beginn der Achsenzeit waren Frauen in den verschiedenen Zivilisationen oft hoch geachtet, erst während und nach der Achsenzeit wird der Verfall der Position der Frau spürbar. Frauen wurden zum Eigentum von Männern, wurden von vielen Berufen ausgeschlossen und der manchmal drakonischen Gewalt ihrer Ehegatten unterworfen. Wie Karen Armstrong in ihrem Buch „Buddha” schreibt:„Frauen im Iran, Irak und später in den hellenistischen Staaten wurden verschleiert und in Harems eingeschlossen und Frauenfeindlichkeit blühte.
Die Frauen des klassischen Athen (500 - 323 v. Chr.) waren besonders benachteiligt und fast völlig vom gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen; ihnen wurden als Haupttugenden Schweigen und Unterwerfung zugeschrieben. Die frühen hebräischen Traditionen hatten Miriams und Deborahs Heldentaten verherrlicht, aber nach der prophetischen Glaubensreform waren die Frauen im jüdischen Gesetz in eine Zweitklassigkeit abgerutscht.”

Immer wieder gab es überragende Frauen, die sich über die Beschränkungen der Möglichkeiten ihrer Zeit erhoben. Auch waren einige geschichtliche Perioden wie ein „goldenes Zeitalter” für Frauen, so zum Beispiel das 7. bis 13. Jahrhundert im Islam. In dieser Periode gab es viele einzigartige Dichterinnen und Denkerinnen sowie weibliche Gelehrte und Geistliche in der arabischen Welt. Im mittelalterlichen Europa tauchten bedeutende Mystikerinnen auf.Trotz alledem, vorherrschend war in den letzten dreitausend Jahren das Paradigma der Höherwertigkeit des männlichen Geschlechts; keine Bewegung, keine Religion, kein Mensch, kein Einfluss war stark genug, diesen Zustand zu ändern.
Mitte bis Ende des 19. Jahrhunderts begann in vielen westlichen Ländern das Ringen der Frauen, Grundrechte und soziale Gerechtigkeit zurückzuerhalten. Die beiden Weltkriege beschleunigten das Tempo gesellschaftlicher Veränderung, weil viele Frauen begannen, bislang Männern vorbehaltene Berufe auszuüben. Die Frauenrechts-Bewegung, die sich besonders in Europa und den USA in den sechziger und siebziger Jahren entwickelte, setzte das Ringen in der ihr eigenen Art und Weise fort. Viele Rechte, für die sie gekämpft haben, gehören heute zur selbstverständlichen Struktur unserer Gesellschaft. Die Schriftstellerin und Feministin Elaine Showalter merkte kürzlich an, dass nach ihrer Ansicht das Werk des Feminismus vollbracht sei. Es gebe viele Arten von Feminismus, aber keine feministische Bewegung mehr, da es keine Prinzipien mehr gebe, die weltweit bei den Frauen Anklang fänden.
Zumindest in der westlichen Welt wird heute allgemein anerkannt, dass Frauen, die die eine Hälfte der Menschheit ausmachen, die gleichen Rechte wie der anderen Hälfte zustehen. Das globale Bild ist jedoch wesentlich ungleicher, die Vorurteile gegenüber Frauen sind immer noch tiefverwurzelt. Bemerkenswert, dass bei den Verhandlungen um die Neugestaltung Afghanistans Frauenwahlrecht und gleiche Bildungsmöglichkeiten selbstverständlich einbezogen wurden. Ein hoffnungsvollles Zeichen für das wachsende Verständnis, dass die Gleichberechtigung für Frauen nicht verhandelbar ist.

Und wo steht nun die Frau im Jahre Zweitausendzwei? Zumindest in einem Teil der Welt wurde eine grundlegende gesellschaftliche Gleichberechtigung erreicht. Ist hier das Ende der Geschichte? Bei Feminenza denken wir, dass es noch mehr über unser Geschlecht und seine Möglichkeiten zu entdecken gibt. Feminenza wurde im April 2000 als internationales Frauennetzwerk gegründet, arbeitet heute, nur zwei Jahre später, bereits in 16 Ländern und möchte einer neuen Template für Frauen den Weg ebnen.
Nach Jahren individueller Suche und Erfahrung kamen Frauen vereint in dem Wunsch zusammen, sich ein besseres Verständnis über die wahre Natur und Bedeutung ihres Geschlechts zu erarbeiten.

Entwicklung im Dreiklang
Entwicklung vollzieht sich in Stufen und findet ihren Ausdruck in der Sprache. Ähnlich dem Englischen, wo es drei charakteristische Bezeichnungen für das Weibliche gibt, female, woman, lady, bietet die deutsche Sprache drei Hauptbegriffe, nämlich Weib, Frau,Dame, von denen interessanterweise heute fast nur der mittlere Begriff verwendet wird.

Die Frauen, die sich bei Feminenza zusammengefunden haben, suchen nach einer höheren Ebene femininer Entwicklung, was wir mit dem Begriff der „Dame” verbinden.

Das Weibliche ist uns von Geburt an mitgegeben, die Frau entwickelt sich mit der Pubertät und begleitet das Weibliche ein Leben lang. Daher sind diese zwei Leben, Weib und Frau, unsere ständigen Begleiter, sie gehören zu unserer Grunderfahrung.
Das Leben der Dame jedoch wird kaum gefördert und gestärkt und kann darum auch nur selten zum Vorschein kommen.Wir arbeiten auch am besseren Verstehen unserer weiblichen und fraulichen Erfahrungen, denn beide rufen nach Entwicklung und Verfeinerung. Letztendlich müssen alle drei Komponenten zusammenarbeiten, damit sich das Potential des Lebens entwickeln kann.

Ein Beispiel: Das Weib fühlt sich manchmal vernachlässsigt und übersehen, durch all die Bedürfnisse der Frau, Neues zu lernen, einen guten Job zu haben, eine gute Muttter zu sein und all den anderen Anforderungen, die an die Frau gestellt werden. Die Folgen sind Durcheinander und Stress aufgrund dieses inneren Konflikts.Wir haben festgestellt, dass es besseres Verständnis und geeignetes Management braucht, um diesen drei Wesensaspekten gerecht zu werden, denn jeder einzelne hat seine ganz eigenen psychologischen, emotionalen, mentalen und spirituellen Bedürfnisse.

Wenn die Dame weiß, was sie will und warum sie es will, kann sie der Frau und dem Weib eine weise Ratgeberin und Lenkerin sein und dadurch kann ein höchst harmonisches Zusammenwirken im Dreiklang möglich werden. Das Leben der Dame fördert natürliche und innewohnende Qualitäten, wie Fürsorge, Geduld, Respekt vor der Einzigartigkeit jeden Lebens. Die Dame ist diejenige, die Weisheit zu entwickeln vermag. Daran angrenzend existiert eine spirituelle Domäne, und nach unserer Erfahrung ist die Entwicklung der Dame entscheidend für die Befreiung und Einwirkung des Geistes auf unsere Leben. Hier beginnt eine Entdeckungsreise, die weiter führt, als hier beschrieben werden kann.

Die Entwicklungen der vergangenen zwei Jahre sind faszinierend gewesen. Feminenza geht in ihr drittes Jahr und es ist unser größter Wunsch, so vielen Frauen wie möglich dieses reiche Netz internationaler Gemeinschaft und Austauschs zugänglich zu machen. Bereits im letzten Jahr haben wir Workshops, Gesprächsabende,Vorträge und Kurse veranstaltet zu Themen wie „Das Leben in die eigene Hand nehmen”, „Persönlicher Ausdruck”, „Beziehungen bewusst gestalten”. Die Rückmeldungen sind ermutigend. Frauen berichten über erlebte Wärme und Bestärkung, die sie fühlten, und über den Reiz der neuen Verständnisse.
Wir haben begonnen, Kontakte zu anderen Frauenorganisationen zu knüpfen und freuen uns über den Dialog und die Gegenseitigkeit, die daraus entstehen kann; wir hofffen, dass sich im kommenden Jahr noch viel mehr entwickelt.

Feminenza angegliedert ist die Ruby Care Foundation, eine internationale gemeinnützige Organisation, die Schulungen, Gespräche und Vorträge für beruflich und ehrenamtlich Tätige anbietet im Umgang mit Tod und Trauer und in der Beratung von chronisch und unheilbar Kranken und deren Angehörigen. Hier gibt es bereits bemerkenswerte Erfolge durch eine neuartige Herangehensweise an diese Themen,mit denen schwierig umzugehen ist, nicht zuletzt, weil sie so sehr tabuisiert werden.

Als ich mich umfassender mit den Frauen der Vergangenheit befasste, wurde mir klar, dass niemand von uns alleine dasteht, dass es eine Tradition von Qualitäten gibt, von Mut, Mitgefühl, Fürsorge, Geduld und Entschlossenheit.
Feminenza ehrt diese Frauen, bekannte und unbekannte, und ich weiß, dass ich dieselben Qualitäten verwirklichen kann, wenn ich das tue, wozu mich die Zeit, in der ich lebe, ruft. Ich glaube, dass heute Frauen etwas möglich ist, das neu ist, das ein großes Potential in sich trägt, eine spirituelle Gleichberechtigung, wie es sie noch nie gab. Hierin ist die Hoffnung auf eine bessere, humanere Welt begründet, in der der weibliche Beitrag gleich geehrt und geschätzt ist, weil man versteht, dass die Welt partnerschaftliches Wirken von Frauen und Männern braucht - und nicht nur entweder die einen oder die anderen.

Anna Hannon

Wenn Sie an mehr Informationen über Feminenza interessiert sind: www.feminenza.org

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