TOPAZ 3. Ausgabe 2002
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Was verstehen wir unter 'Template'
Template Foundation Dance Team
Das Theater Japans
Leben in Zeiten der Veränderung
Filmbesprechung
Interview mit einem deutschen Komponisten
Umgang mit Krisensituationen
Ein Zeichen der Unterstützung für die Menschen in Amerika
Ein neues Buch
Neue Wege in der Krebsforschung
Kunst und Design

Wie geht man mit Unsicherheit in Krisensituationen um?
„Die beste Hilfe ist, Menschen dazu zu bewegen, anderen zu helfen”

 Kurz nach der Attacke auf Amerika am 11. September 2001 wurde Mr. Shaul Lev, israelischer Experte für Krisenmanagement, von der Template Society in Israel gesponsert, nach New York zu fliegen, um Freunden mit seinen Erfahrungen und Fähigkeiten zu helfen. Zu seiner eigenen Überraschung ergab sich plötzlich die Situation, dass in nur 10 Tagen 15 Workshops zu leiten waren. Es begann mit Freunden, diese brachten ihre Nachbarn und Arbeitskollegen mit, bis es in zehn Tagen ca. 350 Menschen wurden, die Rat suchten.

Topaz: Welchen Rat geben Sie Menschen, die durch eine extreme Krise getroffen wurden?

Das Erste, was ich normalerweise mache, ist, die Menschen wissen und fühlen zu lassen, dass sie diese Situation überwinden können, dass es möglich ist und dass ich aus eigener Erfahrung sprechen kann. In New York war eine der wichtigsten Hilfen, die ich anbieten konnte, das Wissen, wie man mit der Unsicherheit, die jeden unweigerlich befällt, umgehen kann.

Das Zweite, was ich mache, ist, Denk- und Verhaltensweisen aufzuzeigen, die man braucht im Umgang mit anderen, da nämlich jeder verunsichert ist und nichts so ist wie vorher. Eine Frage, die sich in solchen Situationen als nützlich erwiesen hat, ist: Was sollte man in seinem Leben verändern, und was nicht?

Topaz: Welche psychischen Folgen können traumatische Erfahrungen haben?

Menschen beginnen, an sich selbst zu zweifeln. Die Depression, Frustration und Verängstigung ist oft so stark, dass man sich sogar bei ganz normalen Dingen wie zum Beispiel Lachen fragt, ob das eigentlich noch akzeptabel ist. Die innere Stabilität und das Urvertrauen sind erschüttert. Das Vertrauen in andere Menschen wird in Mitleidenschaft gezogen, und diese Verkettung beeinträchtigt und untergräbt dann irgendwelche Hoffnung und Glaube an eine Verbesserung in der Zukunft.

In New York traf ich auf eine blühende Gerüchteküche, Gerüchte verbreiteten sich wie ein Virus mündlich, per e-mail und Telefon. Sie sind der Nährboden für Angst, sie untergraben das Selbstvertrauen nur noch mehr. Die Ausbreitung von Gerüchten verbreitet Angst und Schrecken in den Herzen. Darum stellt sich in solchen Situationen immer die Frage, wie man möglichst schnell zur täglichen Routine zurückkehren kann.

 Topaz: Gibt es Reaktionsmuster, wie sich Menschen oft nach einem traumatischen Erlebnis verhalten?

Nach einem verheerendem Erlebnis kann niemand mehr ändern, was passiert ist. Was man aber tun kann, ist zu verstehen, was jetzt notwendig ist und wo man jetzt steht. Es gibt normalerweise zwei Reaktionen. Entweder man reagiert ausweichend und holt sich wieder Zuversicht aus dem Gedanken: „Das wird nicht noch einmal passieren, oder mir wird so etwas sicher nicht noch mal passieren.” Oder man reagiert mit ununterbrochener Angst: „ Ich bin jetzt Opfer, es wird mir bald wieder passieren, egal, wohin ich gehe.” Keine dieser beiden Reaktionen ist letztendlich konstruktiv, um wirklich wieder ins Lot und vorwärts zu kommen.

Ich schlage eine dritte Möglichkeit vor: „Was kann ich jetzt bewusst tun, in den folgenden drei Bereichen: Zu allererst in meinem eigenen Verhalten und Leben, zweitens als Mitglied einer größeren Gruppe, z. B. der Familie und der Arbeit, und drittens welchen Beitrag kann ich jetzt leisten als Bürger meines Landes? In New York habe ich auf Methoden und Konzepte zurückgegriffen, die in „Position Purple“ entwickelt wurden, um Menschen wieder in die Lage zu versetzen, selbst Entscheidungen treffen zu können. Dadurch sind sie in der Lage, wieder innere Barrieren aufzubauen, eine Art mentale Mauer, die zuerst die Aufnahme von Gerüchten, unzuverlässigen Informationen und anderen Einflüssen verhindert. Gerade Terrorismus verursacht Angst, die dann wie ein Virus in den Menschen eindringt und ihn angreift, um ihn zu schwächen, Angst verursacht Zweifel und Unsicherheit. Die Angst äußerst sich in der Regel durch größere Anspannung, höheren Stress und geringere Tatkraft. Auch rege ich zu Aufbau von besseren zwischenmenschlichen Beziehungen an, z.B. mit Nachbarn, Arbeitskollegen, natürlich auch in der Familie, was in der Regel sehr hilfreich ist, sollte noch einmal eine Krisensituation eintreten.

Topaz: Sie erwähnten „Position Purple“ und deren Methoden und Prozesse. Was ist „Position Purple”, wie entstand es?

„Position Purple” ist eine weltweite Organisation von Fachleuten aus verschiedenen Bereichen. „Position Purple” bietet Training und Beratung an, um mit den unterschiedlichsten Anforderungen des Lebens besser umgehen zu können. Unter anderem bieten wir Konzepte an, mit denen man sich besser auf Krisen und einschneidende Veränderungen vorbereiten kann. So zeigen wir Wege auf, wie die Auswirkungen eines Traumas überwunden werden könnnen, indem man eine bessere tägliche Routine einführt als vorher. Wir zeigen Menschen, wie sie sich selbst und andere besser führen können, anstatt von Furcht und Terror geleitet zu werden.

Shaul Lev ist Mitbegründer und Leiter von Position Purple Ltd. Er ist Experte in der Bewältigung von Stress, Gefahren- und Krisensituationen. Mr. Lev ist auch Co-Autor des Buches „Survival: A personal security manual“.
Info.: Position Purple: www.position-purple.com

Interview: Roland Böhringer

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