TOPAZ 3. Ausgabe 2002
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Leben in Zeiten der Veränderung

W. Starink Wir leben, wie heute jeder weiß, in Zeiten großer Veränderung. Aber was ist überhaupt „Veränderung“, und was ist das Besondere der Veränderungen, die in unserer Zeit stattfinden? In diesem Artikel versucht Wim Starink, Trainer für Konflikt- und Stress-Management, Kommunikation und Personalführung, das Phänomen Veränderung zu ergründen und gibt Tips und Ratschläge aus der eigenen Praxis, wie man in Zeiten der Veränderung Herr der Lage bleibt.

In den vergangenen Jahrhunderten haben sich Wechsel und Veränderungen wesentlich langsamer vollzogen als in der heutigen Zeit und oft nicht so dramatisch offensichtlich. Eine Kathedrale oder ein buddhistisches Kloster zu bauen dauerte Hunderte von Jahren und sie wurden entworfen um Jahrhunderte zu überdauern.
Die Menschen, die damit begannen, wussten, dass sie das fertige Gebäude nie sehen würden. Stellen Sie sich dagegen einmal vor, ein Projekt wie der Bau des Kölner Doms sollte heute finanziert und durchgesetzt werden.

 Heute leben wir inmitten einer immer schneller werdenden Lawine von Veränderungen. Computer, Globalisierung, 24-Stunden-Geschäftsbetrieb, Telekommunikation, Flugzeuge, das Internet, elektronische Bankgeschäfte, der Wegfall von Landesgrenzen, Herztransplantationen, Weltraumreisen, Atomkraft, dies alles passiert plötzlich in nur einem Jahrhundert.
Veränderungen geschehen heute so schnell, dass zum Beispiel in der Zeit, die Sie brauchen, um vom Computerladen, wo Sie gerade einen neuen Rechner gekauft haben, bis zum Auto zu laufen, schon drei neue Computermodelle erschienen sind, die schneller und billiger sind als das, was Sie gerade erstanden haben.

Und die Medien bombardieren uns ständig mit neuen Ideen und Konzepten. Wie bleibt man innerhalb dieser immer schneller werdenden Welt der Veränderungen mental stabil? Woran hält man sich, wenn sich alles um einen herum verändert, wenn die Werte und Prinzipien, die Jahrhunderte lang für die Gesellschaft galten, nicht mehr länger aufrechterhalten werden? Und vor allem, wie erklärt man sich den ganzen Wechsel? Vielleicht kann man die Zeit, die wir heute erleben, mit folgendem Bild erklären:

Wird ein Stück Land umgepflügt und liegt dann brach, dann ist es innerhalb von zwei, drei Wochen mit Kräutern bewachsen, den sogenannten „Pionierpflanzen". Sie säubern den Boden und bereiten ihn vor für die nächste Generation der Vegetation, indem sie die Erde mit Sauerstoff, Stickstoff und Phosphor versorgen. Die nächste Pflanzengeneration wird nicht über Nacht die erste verdrängen, sondern ganz allmählich deren Platz einnehmen und der ersten dadurch das Licht nehmen. Graphisch sieht das dann so aus: Graph
Während die eine Art der Vegetation im Schwinden begriffen ist, nimmt die andere zu und ersetzt allmählich die erste, von der nur kleine Reste übrig bleiben.

Eine weitere interessante Analogie, die vielleicht helfen kann, die in unserer Epoche stattfindenden Umwälzungen besser zu verstehen, ist der Unterschied in den Eigenschaften der Metalle Silber und Gold. Gold findet man in der Natur in konzentrierter Form als Körner oder Klumpen, die sich in Tausenden von Jahren gebildet haben und die immer ihren Glanz behalten. Diese Natur des Goldes erinnert an die Werte früherer Generationen, an Stabilität, Langlebigkeit und Dauerhaftigkeit.  Damals begann ein Vierzehnjähriger seine Lehre und konnte oft genug sicher sein, dass er bis an das Ende seines Arbeitslebens in der gleichen Firma bleiben würde. Er würde loyal zur Firma sein, und diese würde ihn im Gegenzug selbst noch im Ruhestand versorgen.

Silber hingegen findet sich in der Natur in dünnnen Adern und hat die Tendenz, sich zu verteilen und sich zu verfärben. Die Natur des Silbers kann gut mit der Besonderheit der Zeit verglichen werden, auf die wir heute zugehen und deren Anfänge wir bereits spüren, eine Epoche zunehmender Geschwindigkeit und Instabilität. Junge Menschen heutzutage beginnen ihr Berufsleben in der Absicht, möglichst viel zu lernen, damit sie sich in wenigen Jahren beruflich verändern können. Firmen ändern unaufhörlich ihre Strukturen, um sich auf einem ständig verändernden Markt zu behaupten; sie müssen große Rücklagen machen, mit deren Hilfe sie Kosten reduzieren und mehr Profit machen können.

Aspekte Gold Silber
Regierungsform zentral dezentral
Geographie lokal global
Erwartungen Stabilität Veränderung
Unternehmensstrukturen hierarchisch Netzwerke
soziale Kontrolle groß gering
Kommunikation langsam und gründlich schnell und oberflächlich
Geschwindigkeit gering hoch
Arbeitsleben ein Unternehmen fürs Leben häufiger Unternehmenswechsel
Schwerpunkt Gemeinschaft Individuum
Familie stabile Beziehungen zunehmende Scheidungsraten

Hier ist eine Gegenüberstellung der Zeitqualitäten „Silber“ und „Gold“:
Offensichtlich ziehen sich die heute greifenden Veränderungen durch alle Bereiche unseres Lebens. Der „goldene“ Einfluss der Stabilität geht zurück, während der „silberne“ Einfluss des Wandels immer stärker spürbar wird.

Vor nicht allzu langer Zeit verlief das Leben in Wegen und Bahnen, die über viele Generationen geprägt worden waren. Religion, Tradition und die soziale Kontrolle schrieben vor, wie man sich zu verhalten hatte. Die alten Regeln und Wege scheinen heute jedoch nicht mehr brauchbar zu sein. Überall um uns herum werden Regeln gebrochen und außer Kraft gesetzt, um vielleicht durch neue ersetzt zu werden.
Wo früher Kirche, Gesellschaft und Arbeit gesicherte Lebensräume angeboten haben, müssen die Menschen heute Sicherheit in sich selbst finden. Es scheint, als ob die heutige Zeit uns drängt, mehr in unser Inneres zu sehen, wo persönliche Überzeugungen, Prinzipien und Werte und eine eigene Spiritualität die Werkzeuge sind, uns stabil und „vernünftig“ leben zu lassen. Zunehmend wird es für mich wichtiger, zu bestimmen,

  • was mir in meinem Leben vorrangig wichtig ist,
  • was ich liebe zu tun und worin ich wirklich gut bin,
  • an was ich glaube und was ich für wertvoll genug erachte, um mich dafür auch einzusetzen.

So kann ich für mich „goldene“ Grundsätze finden, die mir helfen, intakt zu bleiben inmitten der Anforderungen, die eine silberne Epoche an uns stellt.

Zum Schluß noch zehn Ratschläge, die in diesen hektischen Zeiten helfen können:

  1. Entscheiden Sie sorgfältig, welche Informationen und Neuigkeiten Sie über die Medien in sich aufnehmen. Denn Sie müssen all diese Informationen „verdauen“, und viele sind weit entfernt von der Wahrheit.
  2. Versuchen Sie keine Schulden zu machen und kaufen Sie nur Dinge im Rahmen ihrer Möglichkeiten. Finanzielle und andere Sorgen verbrauchen eine Menge Energie und beschränken Ihre Freiheit, für sich selbst zu denken.
  3. Verbringen Sie Zeit mit Menschen, die so denken und fühlen wie Sie selbst. Lesen Sie gute Bücher und versuchen Sie sich ein eigenes Bild von dem zu machen, was in der Welt geschieht.
  4. Gehen Sie sorgsam mit sich um und mit den Menschen, die Ihnen nahe stehen. Durch gesunde Ernährung, regelmäßige Bewegung sowie Humor können Sie fit und stark bleiben.
  5. Widmen Sie sich aktiv und produktiv dem, was sie begeistert. Sind Sie erfüllt mit Lebensfreude und Begeisterung, so bleibt kein Platz für schlechte Gedanken; das fördert Ihr Wohlbefinden.
  6. Beginnen Sie jeden Tag mit 15 Minuten der Selbstbesinnung. Denken Sie darüber nach, was sie sein, tun und erreichen möchten, gegründet in dem, was Sie in Ihrem Leben wichtig finden und wertschätzen. So können Sie den weiteren Tagesverlauf positiv beeinflussen.
  7. Gehen Sie das Leben einfach an. Die Dinge sind so, wie sie sind. Heute wird Einfaches gerne kompliziert gemacht. Erinnern Sie sich daran, dass die Wahrheit immer einfach ist; versuchen Sie sich Ihr eigenes Urteil zu bilden.
  8. Denken Sie daran, dass es viele Menschen gibt, die nicht in einer so glücklichen Lage sind wie Sie. Versuchen Sie zu helfen, wo Sie können. Ihr Leben wird dadurch reicher und Ihr Selbstwertgefühl wird gestärkt.
  9. Verschaffen Sie sich Klarheit darüber, womit Sie in Ihrem Leben nichts zu tun haben wollen, was mit Ihnen in Ihrem Leben nicht passieren soll und was Sie nicht unterstützen werden und versuchen Sie dementsprechend zu leben.
  10. Jeder ist verantwortlich für sein Leben. Lassen Sie sich nicht von anderen erzählen, was zu tun ist, und schieben Sie die Schuld für das, was Ihnen passiert, nicht auf andere.

 Wir leben in ganz außergewöhnlichen Zeiten, in denen mehr möglich ist als je zuvor. Fast alles, worauf man sich früher verlassen konnte, scheint Kopf zu stehen oder fällt zusammen. Aber wir haben die Möglichkeit, jeder für sich und alle gemeinsam, das Leben neu in die Hand zu nehmen! Wenn wir bereit sind, uns zu verändern, um den Anforderungen der neuen Zeit zu begegnen.

Wim Starink ist Trainer für Konflikt- und Stress-Management, Kommunikation und Personalführung.

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