TOPAZ 2. Ausgabe 2001
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Das World Mosaic of Sound
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Entwicklung eines Tierasyls
Wissenschaft der Intelligenz
Eine wundersame Physikprüfung... Oder ein Stück spiritueller Intelligenz?
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Desiderius Erasmus
Refugium - Ein Garten der Linderung

Intelligenz der Wissenschaft und Wissenschaft der Intelligenz

Anne Marmenout Dr. Anne Marmenout, PhD in Molekularbiologie, als Postdoc jahrelange Forschungsarbeit in international bekannten Biotechfirmen, lehrt z.Zt. an einem belgischen Kolleg.

Schauen wir uns um: Ohne Wissenschaft und Technologie gäbe es weder unsere Kleidung noch die Baumaterialien des Zimmers, noch die Hintergrundmusik, die wir vielleicht gerade hören.

Wo Wissenschaft und Technologie die Gesellschaft beherrschen, muss die Naturwissenschaft im Bildungswesen dominieren. Jede Kultur ist natürlicherweise bestrebt, ihr Erbe an die nächste Generation weiterzugeben, und so überrascht es nicht, dass gegenwärtig der naturwissenschaftliche Unterricht ein Thema der politischen, meist ökonomisch motivierten Diskussion ist.

Heutzutage wird ein wissenschaftlich erzogener Geist gleichgesetzt mit Qualitäten wie Beobachtungsgabe, mit der Fähigkeit, zu vergleichen und zu analysieren, akkurat zu wiederholen, logisch schlusszufolgern, strategische Probleme zu lösen. Im frühen zwanzigsten Jahrhundert entwickelten Psychologen Tests, um diese bestimmten Qualitäten zu quantifizieren und zu messen. Bald darauf wurde bei Schulkindern mit sogenannten IQ-Tests der Intelligenzquotient bestimmt.

Heute werden Computer zur Entwicklung und Auswertung der Intelligenztests eingesetzt. Aber kann der Computer als Modell und Maßstab für Intelligenz herangezogen werden? Keiner von uns möchte seine Intelligenz mit der des Computers vergleichen lassen, auch wenn die meisten die Kapazität und Bequemlichkeit des Computers hoch schätzen. Instinktiv wissen wir alle, dass mehr hinter dem Menschsein und der menschlichen Intelligenz steckt, als ein Computer zu bieten hat.

NewtonVor nur 5 Jahren machte Daniel Goleman das Konzept der emotionalen Intelligenz der breiten Öffentlichkeit bekannt, als Fähigkeit, eigene und fremde Gefühle bewusst wahrzunehmen. Von unserer emotionalen Intelligenz hängen die Qualität unseres Mitleids und unserer Einfühlung ab und unsere Fähigkeit, mit Schmerz und Lust angemessen umzugehen. Je höher die emotionale Intelligenz einer Person einzuschätzen ist, desto weniger anfällig erscheint sie für schädigende Emotionen, wie Ärger, Neid,
Eifersucht u.ä..

Ich möchte die Fähigkeit der emotionalen Intelligenz nicht auf den Menschen beschränken, sondern sie allen Lebensformen zuschreiben, auch tierischem und pflanzlichem Leben. Der Begriff Seelenintelligenz scheint angebrachter, wenn wir von der Tatsache ausgehen, dass unsere Lebensgefühle und -empfindungen mehr eine Seelen- als eine rationale Bewusstseinsangelegenheit sind.

Der IQ passt zum Determinismus, für den Licht und Elementarteilchen ENTWEDER Welle ODER Partikel sind. Seelenintelligenz erinnert uns an die Quantenwelten, wo Licht und Elementarteilchen Welle UND Partikel sein können.

IQ denkt, Seelenintelligenz empfindet und fühlt. IQ wird von bewusster Analyse und Unterscheidung bestimmt, von ENTWEDER/ODER-Prozessen, die nur bewusst Realisiertes berücksichtigen. Seelenintelligenz ist ein unterbewusster UND/UND-Prozess, der alles berücksichtigt, auch die vielen uns zumeist unbewussten Signale, die das Gehirn vom Körpergeschehen in jeder Sekunde registriert.

MendelIQ wiederholt, weitet aus und vergrößert. Seelenintelligenz sucht Harmonie und Gleichgewicht und wird wach, wenn etwas aus der Balance ist. IQ wird sich an die Formel halten, komme was wolle, während die Seelenintelligenz Sitz des Gewissens ist.

IQ ist schlussfolgernd, Seelenintelligenz ist hellsichtig – sie weiß. Wenn ein Meteorologe das Wetter mit Hilfe von Statistiken vorhersagt, ist IQ am Werk. Wenn ein Bauer auf dem Feld das Wetter vorhersagt, ist Seelenintelligenz am Werk. Bei einem Kriminalbeamten, der einen Fall logisch zu lösen versucht, arbeitet der IQ. Eine Polizeikraft, die einen Hellseher bemüht, um die Rätsel zu lösen, versucht Seelenintelligenz ins Spiel zu bringen.

Folgendes erscheint interessant: Für rationales Analysieren und Vergleichen, z.B. zum Lösen eines algebraischen Problems, müssen alle Daten zur Hand sein, das heißt, bewusst sein, während die Seelenintelligenz dies nicht nötig hat. Von einem Gesicht braucht nur ein Teil sichtbar zu sein und sie kann es erkennen. Im Gegensatz zum IQ kann Seelenintelligenz mit Unsicherheiten umgehen.

Parallel verarbeitende Computer, eine neue Entwicklung der Computertechnologie, verfügen über einen niedrigen Grad von Seelenintelligenz: Sie können zum Beispiel auf tausenderlei Weise handgeschriebene Postleitzahlen erkennen, und bei der Arbeit lernen sie dazu und bringen sich selbst auf den neuesten Stand. Seriell verarbeitende Computer können das nicht. Man kann sie höchstens mit neuer Software versorgen. Der IQ verlässt sich auf Kenntnisse der Vergangenheit, Seelenintelligenz operiert im Jetzt.

MozartAllerdings sind trotz aller Differenzen rationale Intelligenz (IQ) und Seelen- oder emotionale Intelligenz (EQ) voneinander abhängig: In sich geschlossen, operieren beide innerhalb des Bestehenden, des fest Etablierten. Sie beschäftigen sich nicht mit dem Warum von Regeln, Formeln, Situationen und Störungen eines Gleichgewichtes. Und sie beschäftigen sich nicht mit der Frage, ob die Dinge anders angegangen werden könnten.

Um also wirklich kreativ sein zu können, braucht es eine weitere Intelligenz. Es braucht spirituelle Intelligenz, ein Begriff, der zuerst von Danah Zohar und Ian Marshall eingeführt wurde. Nur spirituelle Intelligenz kann eine Situation umgestalten, sodass sie sich über den allgemeinen Trend erhebt und neue Wahrnehmung und Offenbarung eröffnet. Spirituelle Intellgenz wird von dem Trieb geboren, die Grenzen unserer gegenwärtigen Erkenntnis auszudehnen und in das (noch) Unbekannte vorzustoßen.

Leonardo da Vinci z.B. war ohne Zweifel mit hoher spiritueller Intelligenz begabt, als er Kunst und Wissenschaft neue Dimensionen eröffnete. So auch Mozart und Beethoven, Galilei und Newton, Mendelejew und Einstein, um einige wenige zu nennen. Nach Jahren der Forschung und Arbeit erblickte Mendelejew plötzlich im Traum das Periodensystem, das Tor zur modernen Chemie. Einstein, der als fauler und mittelmäßiger Schüler angesehen wurde, war so dreist, wichtige zeitgenössische physikalische Paradigmen in Frage zu stellen, und so veränderte er nachhaltig unser Weltbild mit seiner Relativitätstheorie.

All diese Leute wurden von einer Idee verfolgt, von einem Verlangen, das sie weiterdrängte, alle gepackt von der Suche nach ihrem persönlichen heiligen Gral. Dieser Antrieb lebte in Musikern wie Mozart und Beethoven, in Schriftstellern wie William Shakespeare. Sie wollten etwas in die Welt bringen, das zuvor nicht gehört oder gelesen war, indem sie in eine Welt des Ungehörten und Ungesehenen vorstießen.

EinsteinEinige dieser Genies waren als schwierige Leute berüchtigt. Wahrscheinlich fehlte ihnen die nötige Seelenintelligenz, die sie in Harmonie bleiben ließ, denn wenige Menschen werden alle drei Intelligenzformen gleichstark entwickelt haben.

Diese Einsichten in Natur und Reichweite unserer Intelligenz zwingen uns, die gegenwärtigen naturwissenschaftlichen Bildungskonzepte und Ausleseverfahren neu zu bewerten: Diese sind IQ-orientiert. Der so hochgepriesene hohe IQ garantiert eben nicht einen guten Wissenschaftler. Allerdings kann sich eine Person geringer Seelenintelligenz sehr wohl in einen unmoralischen Wissenschaftler verwandeln. Fehlt die spirituelle Intelligenz wird der Wissenschaftler kaum Neues entdecken.

Menschen mit EQ- oder SQ-Tendenz werden heute besonders in der naturwissenschaftlichen Erziehung oft im Regen stehengelassen, obwohl sie signifikante Beiträge zu den Wissenschaften leisten könnten. Die IQ-Orientierung des Erziehungssystems ruft nach stereotypen Antworten, der EQ jedoch liefert die pragmatischen und der SQ die völlig unvorhersagbaren Antworten.

Es ist von öffentlichem und privatem Interesse, dass sich in einer wissenschaftsbeherrschten Welt im Lichte dieser neuen Einsichten das naturwissenschaftliche Bildungssystem um Neuformierung bemüht. Die Wissenschaftspädagogik sollte neue Methoden entwickeln, die alle menschlichen Intelligenzaspekte berücksichtigen und stimulieren. Keine leichte Aufgabe, aber eineAufgabe, für welche sich die Autorin dieses Artikels einsetzen möchte.

Dr. Anne Marmenout, Belgien

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