TOPAZ 1. Ausgabe 2001
Willkommen
Einsichten zum Thema Stress
Entwurf eines Gartens der Heilung und Linderung
Wissenschaft mit neuen Augen
Hildegard von Bingen
Jugendprojekt
Filmbesprechung: The Unbreakable
Nachhaltige Umweltentwicklung

Vom Kosmetikstudio zum Jugendprojekt

Kira Andersen aus Kopenhagen erzählt die Erfolgsgeschichte eines Kosmetikstudios, das zum Jugendpilotprojekt für 14- bis 18-jährige wurde.

Kira Andersen Geschäftsführerin von UngVaerdi in Kopenhagen Alles fing vor sieben Jahren mit dem Studio Athene in Kopenhagen an. Die Idee war, einen Ort zu schaffen, wo man Hautbehandlungen guter Qualität in freundlicher und angenehmer Atmosphäre bekommen konnte.

Attraktive Atmosphäre - „Ich begann mit bescheidenen Mitteln: Mit Enthusiasmus, Vorstellungskraft und einer großen Portion kreativen Geschicks. Athene wurde ein ansprechender Ort, und oft kamen Leute einfach nur so vorbei, um in der reizvollen Atmosphäre zu verweilen", sagt Kira. Neben der Kosmetik eröffneten sich mit der Zeit für Athene neue Möglichkeiten, es wurden Ausstellungen gemacht, Mosaiktischchen, handgefertigter Schmuck und anderes verkauft.

Ungewöhnliche Kundschaft - Es kamen auch Jugendliche herein, Mädchen von der Straße, Ausreißer, die aus verschiedensten Gründen mit der Welt nicht klar kamen, aber die bei Athene eine Nische entdeckten, wo sie sich sicher fühlten und zu sich kommen konnten. „Sie wuchsen mir ans Herz", sagt Kira.

UngVaerdi - Kira Andersen ist heute 35 und Geschäftsführerin von UngVaerdi in der Willemoesgade, Osterbro, in Kopenhagen, die Schönheits- und Hautpflege Athene floriert weiter unter neuem Besitzer. Vor sechs Monaten entschloss sich Frau Andersen, einen neuen Weg zu verfolgen, dessen Name auch Programm ist: UngVaerdi, wörtlich mit JungerWert zu übersetzen, nannte sie ihr Projekt.

Prinzip Respekt - UngVaerdi ist ein Projekt für Teenager, die meist unter Gewalt, sexuellem Mißbrauch oder schwierigen Familienverhältnissen zu leiden hatten und sich nicht dem gesellschaftlichen Werte- und Erziehungssystem einpassen können. „Hauptsächlich werden den jungen Leuten zwei Werte vorgelebt:
1. Sie werden respektiert.
2. Es wird an sie geglaubt, nämlich dass in ihnen einzigartige und bisher unerreichte Fähigkeiten und Möglichkeiten schlummern."

Leben und leben lassen - „Egal ob er vom Jugendamt kommt oder von sich aus, wenn ein junger Mensch zu mir kommt, erblicke ich zuerst einmal ein menschliches Wesen und nicht ein Problem. Und erst dann sehe ich einen jungen Menschen, dessen Fähigkeiten sich Lebensqualität zu schaffen verletzt wurden. Jede Person verdient doch Achtung einfach aufgrund der Tatsache ihrer Existenz und dass man ihr eine Chance gibt, egal ob Alt, Jung, Arm oder Reich, prominent oder nicht. Jedenfalls ist ,leben und leben lassen’ bei mir privat und auf der Arbeit eine Devise, die ich nach Kräften zu praktizieren suche."

Wirkungen - „Was bei Anwendung dieser Prinzipien passiert, ist bereits nach relativ kurzer Zeit bemerkenswert: die jungen Leute zeigen Offenheit und Vertrauen, weil man sie nicht mehr als Problem wahrnimmt. Wer einen Jugendlichen als Problem behandelt, der fesselt ihn an die Situation, aus der er ausbrechen muss. Wer ihm andererseits echte Achtung entgegenbringt, lässt damit ein Vertrauensverhältnis wachsen, das bei weiterer Hilfestellung unschätzbar ist."

Trainingsprogramm - Im Rahmen des UngVaerdi-Programms wird der Jugendliche zuerst mit ‚innerer Ruhe’ bekanntgemacht. Innere Ruhe ist für jeden sehr wichtig, besonders für den Jugendlichen. Bei der Entwicklung der „inneren Ruhe" geschieht ein Ausgleich der instinktiven und mentalen Bereiche einer Person. Unter anderem werden Befürchtungen zerstreut (mentaler Prozess) und Stille und Ausgeglichenheit (Instinkt) erreicht.

Kennenlernen und Ergebnisse - „Wenn sie zum ersten Mal kommen, sind sie zu einem Willkommensgespräch eingeladen und werden mit Aufgabe, Geschichte, Funktion, dem Wie und den goldenen Regeln von UngVaerdi bekanntgemacht. Und ich sage ihnen auch, dass sie für mich ein unbeschriebenes Blatt sind und ganz von vorne anfangen können. Beispielsweise lese ich nicht ihre Akte mit der Vorgeschichte und will auch gar nichts wissen, es sei denn, sie möchten mir etwas anvertrauen. Am Ende des Gesprächs bestätigt der Jugendliche nochmals, dass er am Programm teilnehmen möchte. Auf diese Entscheidung kann ich mich in der Zukunft berufen."

Kopenhagen „Praktisch alle Teilnehmer des Programms führen heute ein erfüllteres Leben. Entweder studieren sie, haben einen Arbeitsplatz oder gründeten eine Familie. Kira: „Ganz wichtig, und das liegt mir am Herzen, ist Folgendes: Wir versuchen nicht, die Leute zu ändern; wir streben ganz einfach danach, das Beste aus ihnen hervorzubringen, halt das naturgegebene und reiche Potenzial der Person."

Erfolgsstory - UngVaerdi ist nicht nur ein Jugendprojekt, UngVaerdi bietet auch Kurse und Workshops für Projektleiter in der Jugendarbeit, Institutionen und Schulen an, was gegenwärtiger Höhepunkt von Kiras langjähriger Arbeit ist.

Kira: „Sie können es schaffen, davon bin ich unerschütterlich und zutiefst überzeugt. Ich glaube, dass jeder Mensch ein unerforschter Kontinent ist und dass wir alle über ein hochentwickeltes Werkzeug verfügen: unseren Körper mit seinen Fähigkeiten. Die richtigen Knöpfe gedrückt, und eine Welt innerer Gefühle, Gedanken und Talente offenbart sich. Für mich ist es sehr wichtig, dass Jugendliche diese Gelegenheit bekommen."

„Unter anderem habe ich in den letzten sieben Jahren an einem Konzept gearbeitet, das ich ,Menschliches Wertefundament’ nenne. Darin habe ich Wissen, Qualitäten und Prinzipien zusammengebracht, die ein Wertefundament bilden können als Basis jeden menschlichen Erfolges. Ich bin immer wieder begeistert, wenn ich sehe, wie dieses Wertefundament ein Muster schafft, so dass Training, Workshops, Experimente und Unterricht sich für die Jugendlichen meist erfolgreich ergänzen. Und meine Erfahrung hat mich gelehrt, dass Erfolg oft zu mehr Erfolg führt".

„Ich habe das Gefühl, gerade erst angefangen zu haben. Heutzutage ist es doch bereits eine Herausforderung, überhaupt grundsätzliche Werte wie z.B. Selbstrespekt zu leben, geschweige denn anderen zu vermitteln. Aber letztendlich, auch wenn die Jugendlichen bei UngVaerdi Werte erfahren können, die Entscheidung, wie sie den Rest ihres Lebens leben wollen, liegt immer noch bei ihnen."

Interviewer: Rolf Christoffersen und Yvonne Christensen, Kopenhagen

Copyright © 2001-2019 Topaz Verein, 57639 Udert/Rodenbach. Alle Rechte vorbehalten.