TOPAZ 1. Ausgabe 2001
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Hildegard von Bingen - Eine kurze Lebensbeschreibung

Respekt gebührt all den bekannten und unbekannten Männern und Frauen der Geschichte, die - in ihrer Weise - für eine lebenswerte Welt eintraten. An dieser Stelle will Topaz gelegentlich besondere Persönlichkeiten der Menschheitsgeschichte würdigen.

„Mein Herz schmilzt wie Eis im Feuer"

Eine Frau, die in der fernen Welt des Mittelalters - inmitten einer von Männern bestimmten Gesellschaft - zur Gesprächspartnerin und Ratgeberin des Kaisers, von Königen, Päpsten, Bischöfen und Laien aus dem einfachen Volk wurde, die „drei Jahrzehnte lang wie ein Magnet die Menschen an sich zog", die in der Stille des Klosters und auf der Bühne der großen Welt wirkte, deren Schaffen Theologie, Philosphie, Anthropologie, Kosmologie, Musik, Naturkunde und Heilkunde umfasste - das ist Hildegard von Bermersheim, die wir heute nach ihrer Klostergründung auf dem Rupertsberg bei Bingen als Hildegard von Bingen kennen.

Seit ihrer Kindheit hatte Hildegard, die 1098 in Bermersheim bei Alzey in Rheinhessen als letztes von zehn Kindern geboren wurde, die besondere Gabe der „Vision" gehabt : „In meinem dritten Lebensjahr sah ich ein so großes Licht, dass meine Seele erbebte... (und) bis zu meinem fünfzehnten Lebensjahr sah ich vieles, und manches erzählte ich einfach, so dass die, die es hörten, sich sehr wunderten, woher es käme und von wem es sei. Da wunderte ich mich auch selbst und verbarg die Schau so gut ich konnte", so schreibt sie in ihrem Lebensbericht.
Und wenn nicht im Jahre 1141 (mit 43 Jahren) der klare göttliche Auftrag „Schreibe, was du siehst und hörst!" an sie ergangen wäre, wären ihre überwältigenden Bildvisionen wohl „aus dem Empfinden meiner Unfähigkeit, wegen der Zweifelsucht, des Achselzuckens und des mannigfaltigen Geredes der Menschen" niemals aufgeschrieben worden. Ermutigt durch die päpstliche Zustimmung, „alles, was sie im Heiligen Geist erkenne, kundzutun", schuf Hildegard jedoch in den folgenden Jahrzehnten ein gewaltiges Werk: angefangen bei ihren Schriften über die Naturkunde („Physica") und die Heilkunde („Causae et curae") , ihren Kompositionen (77 Gesänge, u.a. „Ordo virtutem" und ein Singspiel), Gedichten und Briefen, in denen ihre außergewöhnliche Weisheit und Diplomatie zutage trat, bis hin zu ihren großen Visionsschriften („Scivias - Wisse die Wege", „Liber vitae meritorum - Das Buch der Lebensverdienste" und „Liber divinorum operum - Das Buch der Gotteswerke") und ihren Predigtreisen, überall zeigt sich eine mutige Frau, die sich trotz ihrer ängste und ihrer schwachen Gesundheit über das Diktat ihrer Zeit hinweggesetzt und ein Leben gelebt hat, das Gottes-Erfahrung und Welt-Verantwortung, mystisches Erleben und tätiges Handeln in überzeugender Weise verband.
Somit ist Hildegard von Bingen als weise Frau und als „Prophetin der Deutschen" bekannt geworden, die - beinahe wie die Seherinnen der germanischen Frühzeit - die enge Verbindung zwischen Schöpfung und Schöpfer, zwischen Mikro- und Makrokosmos „schaute" und aus dieser Vision heraus Ratsuchende aus dem Volk und aus der europäischen Führungsschicht sowohl anleitete als auch zurechtwies.

Vielleicht liegt die Faszination, die vom Wesen und Wirken dieser großen Frau ausgeht, auch gerade darin, dass sie ihr Leben in den Dienst von etwas Größerem als sich selbst stellte und daraus Inspiration und Vision schöpfte.

Jutta Krämer (39), Musikpädagogin und Journalistin, Bonn

Der Auftrag, den Hildegard in ihrem Leben annahm und erfüllte, könnte kaum schöner als in einem ihrer Gedichte wiedergegeben werden:

Die Seele ist wie ein Wind,
der über die Wiesen weht,
und wie der Tau,
der auf die Gräser sinkt,
und wie frische Regenluft,
die alles gedeihen lässt.
Genauso ströme der Mensch
sein Wohlwollen auf alle,
die da Sehnsucht tragen.
Ein Wind sei, wer den Unglücklichen hilft,
ein Tau, wer die Verlassenen tröstet,
und Regenluft, wer die Ermüdeten stärkt
und sie mit Liebe vollfüllt wie Hungernde,
indem er ihnen seine Seele gibt.

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