TOPAZ 1. Ausgabe 2001
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Wissenschaft mit neuen Augen
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Wissenschaft mit neuen Augen

Die heutige populäre Wissenschaft geht davon aus, dass alle uns umgebenden Phänomene und Realitäten messbar sein müssen, statistisch und mathematisch nachvollziehbar, durch mehr und mehr hochtechnisierte Instrumente, was für einen Laien schon lange nicht mehr begreifbar ist. Chris Gordon, Engländer und Doktor der theoretischen Physik, stellt die Frage, ob das die richtige Voraussetzung ist, Wissenschaft zu betreiben? Wo bleibt in diesem Rahmen der Mensch mit seiner eigenen Erfahrung der Wirklichkeit? Ein Neuentwurf der Wissenschaft muss, so Dr. Chris Gordon, eines der hochsensibelsten und vielfältigen „Instrumente" stärker mit einbeziehen: den Menschen selbst.

Während Sie diesen Text zu lesen beginnen, nehmen Sie sich doch mal für ein paar Momente die Zeit, sich dort, wo Sie sich gerade befinden, umzusehen. Achten Sie einmal darauf, wieviele Dinge Sie sehen, die Produkte unserer modernen Welt und technologischen Entwicklung sind. Wenn Sie gerade zu Hause sind, dann sehen Sie jetzt vielleicht einen Fernseher, ein Radio, die Mikrowelle, eine Brille, Lichtschalter und Steckdosen; Ihre Kleidung hat höchstwahrscheinlich synthetische Anteile, auch die Wandfarbe sowie die Lacke sind chemisch synthetisch. Heute morgen haben Sie vielleicht ein Aspirin genommen und Vitamintabletten; das Wasser, mit dem Sie Ihren Kaffee kochen, ist, wenn es aus der Leitung kommt, chemisch vorbehandelt. Eine vollständige Auflistung ist kaum möglich.

Viele dieser Produkte moderner Wissenschaft und Technologie tragen zu unserem persönlichen Wohl bei und sind kaum noch wegdenkbar aus unserer Welt. Und doch sind wir uns alle gleichzeitig im Klaren darüber, welche destruktiven Auswirkungen Anwendungen der Wissenschaft haben können, sei es durch die Entwicklung der verschiedensten Arten von Waffensystemen oder durch die zunehmende Umweltverschmutzung, und man sehe sich auch die aktuell geäußerten Bedenken bezüglich der Gen-Manipulation an.

Der Mensch als integrierter Teil eines sinngerichteten Universums Die moderne Naturwissenschaft

Viele Methoden der Erkenntnis moderner Naturwissenschaft basieren nicht auf der unmittelbaren Wahrnehmung der menschlichen Sinne. Dies ist allgemein bekannt. Zu Beginn der modernen Wissenschaftsgeschichte sind die Begriffe primäre und sekundäre Qualitäten eingesetzt worden, um diesen Punkt zu bekräftigen. Als primäre Qualität werden objektiv messbare Eigenschaften definiert, wie zum Beispiel Länge, Breite, eine bestimmte Zeitspanne, Temperatur etc.. Sekundäre Qualitäten sind unsere menschlichen Reaktionen auf diese primären Eigenschaften; gemeint sind unsere Empfindungen wie zum Beispiel Wärme oder Kälte, hell leuchtend oder trübe, laut oder leise, wobei alle diese menschlichen Empfindunen ihrer Natur nach als subjektiv bezeichnet werden. Moderne Wissenschaft will im Bereich der primären Qualitäten tätig sein. Mit den Augen moderner Wissenschaft betrachtet, werden primäre, also messbare Qualitäten als die wahre Realität gesehen. Alle sekundären Qualitäten werden als die inneren Antworten des Menschen auf diese primären Bedingungen gesehen und haben an sich keinen Anspruch auf Objektivität.

Folgendes Beispiel kann diesen Kerngedanken der modernen Wissenschaft verdeutlichen: Jeder kennt die Situation: Zwei Leute befinden sich im selben Raum, dem einen ist es kalt und dem anderen ist es warm. Die Raumtemperatur ist auf dem Thermometer ablesbar für beide diesselbe. Die gemessene Temperatur ist wissenschaftlich gesehen eine primäre Qualität, die Empfindung „warm" oder „kalt" ist jedoch subjektiv und ist deshalb vom wissenschaftlichen Standpunkt als sekundäre Qualität zu sehen. Für die Person jedoch zählt das subjektive Empfinden, und für sie ist die Tatsache irrelevant, gesagt zu bekommen, dass die Temperatur objektiv 20 Grad beträgt.

Dieselbe Diskrepanz kann auftreten bezüglich der Helligkeit eines Raumes, der Lautstärke von Musik, oder ob ein Gewicht als schwer oder leicht empfunden wird. In jedem dieser Beispiele gibt es eine primäre Realität und eine subjektive Erfahrung.Die Objektivität moderner Wissenschaft in diesem Punkt gründet sich in der unpersönlichen Natur der primären Qualitäten.

Die Unterscheidung zwischen primären und sekundären Qualitäten ist einer der fundamentalen Grundgedanken moderner Wissenschaft, der sich aus der wissenschaftlichen Revolution des 16. und 17. Jahrhunderts entwickelt hat. Dies hat zu einer Wissenschaft geführt, die unsere Empfindungen und Wahrnehmungen bezüglich unserer Umwelt nicht mehr berücksichtigt. Wie sieht also die Welt der primären Qualitäten, d.h. die Welt moderner Wissenschaft aus?

Stellen Sie sich einmal Folgendes bildlich vor: Sie haben ein Lineal, eine Stoppuhr, eine Waage, ein Thermometer, ... außerdem vielleicht sogar ein Mikroskop, um kleinste Details zu erkennen, ein Teleskop, um weit entfernte Dinge zu beobachten. Versuchen Sie sich zusätzlich auch Werkzeuge vorzustellen, mit denen Sie Dinge auseinanderbrechen können, um sie auf Ihre Bestandteile hin zu untersuchen. Mit diesen Instrumenten können Sie dann alles messen, untersuchen und der Reihe nach notieren. Ihre Gefühle spielen in diesem Bild keine Rolle. Die Regel heißt messen, klassifizieren und Zuordnungen finden.

Ihre Welt besteht nun aus einer sehr abstrakten Welt der Klassifizierung, Zahlen, Zuordnungen und Formeln. Abstrakt deshalb, weil Ihre Messungen und späteren theoretischen Probleme keine direkte Beziehung zu den Erfahrungen Ihrer Sinne und Gefühle haben. Dies ist die Welt der primären Qualitäten, eine Welt, eine Betrachtungsweise, die nur innerhalb der Grenzen Ihres eigenen Bezugsrahmens sinnvoll und erfolgreich ist. Für einen Außenstehenden oft eine unverständliche Welt, voll von Fachausdrücken und technischen Konzepten, aber fern von den tagtäglich gesammelten Eindrücken und Erfahrungen.

Was ich hier vermitteln möchte, ist, dass moderne Wissenschaft nur einen sehr begrenzten Ausschnitt der Welt, in der wir leben, untersuchen und beschreiben kann. Und doch wird immer wieder der Anspruch erhoben, dass der Bezugsrahmen moderner Wissenschaft der einzig wahre ist und dass alle wahrnehmbaren Erscheinungen innerhalb dieses Rahmens erklärt werden müssen. Dabei werden menschliche Gefühle oder das Erfassen einer Situation ebenso wie tiefe Empfindungen als höchst subjektive, sekundär auftretende Phänomene betrachtet, die durch biochemische Interaktionen zwischen Körper, Gehirn und Nervensystem zu erklären sind. Moderne Wissenschaft erhebt den Anspruch, dass Realität das ist, was mit Instrumenten messbar ist, und nicht das, was wir als Menschen mit unserem Körper und seinen innewohnenden Instrumenten messen können. Eine direkte Frage an Sie, liebe Leser: Ist dies tatsächlich der Fall? Welchen Stellenwert haben dann Ihre eigenen Erfahrungen? Sind unsere Empfindungen wirklich nur pure Illusion, da Realität ja nur in der Welt der Wissenschaft stattfindet?

Vision einer neuen Wissenschaft

Gönnen Sie sich an dieser Stelle eine kurze Pause. Halten Sie mal ganz bewusst inne und lauschen den Geräuschen, die sie umgeben. Was hören Sie?

Vielleicht Verkehrslärm oder eine Maschine? Stimmen von Menschen oder Musikklänge? Vielleicht auch Vogelgezwitscher oder den Wind? Wie ist der Geräuschpegel? Laut oder leise? Harmonisch oder disharmonisch? Schauen Sie sich einmal um von Ihrem Sitzplatz aus. Welche Farben sehen Sie? Sind die Farben „wärmend" oder „kühlend"? Wirken sie leicht oder schwer? Werden Sie sich auch einmal Ihrer Körperhaltung und der Spannungsverhältnisse in Ihrem Körper bewußt. Wie fühlen Sie sich? Angespannt oder entspannt? Innerlich in Eile mit dem Gefühl, dass Sie „vorwärts kommen müssen" - oder eher langsam, mit sich selbst in Frieden?

Jeder Mensch erfährt die Welt auf vielfältige Art und Weise. Denken Sie für einen Moment an den Reichtum Ihrer eigenen inneren Erfahrungen, die Fähigkeit zu riechen, zu schmecken, zu sehen, zu fühlen, zu hören...
Für jeden Menschen ist genau dies die „primäre" Realität und der natürlichste Ausgangspunkt, das, was ihn umgibt, wahrzunehmen und zu entdecken. Viele der wichtigen Dinge im Leben eines Menschen gehören zu seinem Innenleben, z.B. Qualitäten wie Ehrlichkeit, Respekt, Gerechtigkeit, Vertrauen, Entdeckergeist, ein Lächeln, Fürsorge für andere Menschen. Diese inneren Qualitäten können nicht mit einem Lineal oder mit einer Stoppuhr gemessen werden, und dennoch sind sie von fundamentaler Bedeutung für unser Leben.

Menschliche Instrumente der Wissenschaft

Die Wissenschaft heute sieht die Natur durch das Fenster ihrer Messinstrumente. Dies reduziert die Natur zu Formeln. Unsere Sinne, Gefühle, der Instinkt und der Verstand sind naturgegebene Instrumente zum Wahrnehmen und Entdecken. Es sind menschliche Instrumente, mit denen Leben direkt erforscht werden kann und die sich durch Erfahrungen entwickeln können - vorausgesetzt, dass sie genutzt werden und ihnen das notwendige Vertrauen entgegengebracht wird. Wissenschaft entstand ursprünglich durch die Nutzung dieser menschlichen Instrumente. Später begann sich Wissenschaft von diesen ursprünglichen Erfahrungen und den damit verbundenen Werthaltungen zu entfremden und damit auch von den uns Menschen eigenen Fähigkeiten, wie Sensibilität oder Beobachtungs- und Einschätzungsvermögen.
In einem immer härter werdenden Wettbewerb, den viele Leute als Fortschritt bezeichnen, entsteht eine dem Menschen immer mehr entfremdete, rauhe, technologische Welt, die die Qualitäten, die unser Menschsein ausmachen, vernichtet.

Die Wissenschaft hat Menschen viel Gutes und Großartiges gebracht. Die Einblicke, die sie beispielsweise in die Wirkungsweisen des Universums, in dem wir leben, gewonnen hat, sind faszinierend und tiefgründig. Doch zum Leben sollte die natürliche Wissenschaft gehören, die durch unsere Ausstattung als Menschen erst ermöglicht wird und die in jeder Hinsicht absolut atemberaubend ist - angefangen bei den Mikro-Welten, den Millionen von Zellen, die in unserem Körper arbeiten und ihn am Leben erhalten, bis hin zu der - wissenschaftlich nicht reproduzierbaren - Technologie, die dazu nötig ist, Ihnen zu ermöglichen, das Geschriebene auf dieser Seite zu lesen und zu verstehen.

Dies könnte uns zu einem Stückchen Demut führen, zu Sorgfalt und Verantwortungsbewusstsein in wissenschaftlicher Herangehensweise und Methodik; wobei wir uns von natürlichen Gesetzmäßigkeiten und natürlicher Sensibilität leiten lassen sollten, die ein menschliches Wesen ausmachen; und wir sollten die Gesetzmäßigkeiten dieses Planeten, auf dem wir leben, mit in Betracht ziehen und ebenso die des Universums, in dem wir leben...

Es gibt nichts in der modernen Technik, was auch nur annähernd die Bandbreite von Talenten und Fähigkeiten aufweist, wie wir sie selbst besitzen. Allzu oft wird diese Tatsache als belanglos abgetan, genauso wie wir die außergewöhnliche „Maschine", die unser Körper ist, oft vernachlässigen. Kein Messinstrument kann Respekt oder Liebe messen, doch wir Menschen können es.

Es ist an der Zeit, dem Wesentlichen, das sich dem Grundverständnis unseres Menschseins erschließt, einen neuen Platz einzuräumen. Es braucht neue wissenschaftliche Augen, die das Beste der existierenden Wissenschaft und des technischen Fortschritts mit einer Wissenschaft verbinden, die die gesamte Bandbreite menschlicher Erfahrungen und Wahrnehmungen mit einbezieht.

Wir brauchen eine Wissenschaft, die auf Gefühl und Wissen gleichermaßen achtet und die sich über die Gespaltenheit einer objektiven äußerlichen und subjektiven innerlichen Wahrnehmung der Welt erheben kann. Wir brauchen eine Wissenschaft, die natürlichen Entdeckergeist besitzt und den Sinn und Zweck des Lebens und seine Funktionsweise erforscht, eine Wissenschaft, die den Begriff Respekt verinnerlicht und die um die Würde und das Funktionieren aller lebenden Wesen weiß.

Wir müssen damit beginnen, die Welt und vor allem uns selbst mit anderen Augen zu betrachten. Wir brauchen neue Erkenntnisbereiche, zum Beispiel eine Wissenschaft der Gefühlswelt, eine Wissenschaft, die Werte und Wertschätzung erforscht, eine Wissenschaft, die die gesamte Bandbreite des menschlichen Instinktes erforscht, und eine Wissenschaft des Denkens.

All diese Erkenntnisbereiche können entstehen aus dem natürlichen wissenschaftlichen Instrumentarium, das wir bereits in uns haben. Diese neuen Wissenschaften werden den tatsächlichen Beobachtungen der modernen Wissenschaft voll Rechnung tragen, aber in sich selbst werden sie, in ihrem Aufbau, nicht theoretisch sein. Sie werden aus der lebendigen Erfahrung und dem natürlichen Training dieser menschlichen Anlagen erwachsen - und der Erfolg wird messbar sein an der eigenen vollzogenen persönlichen Entwicklung und dem wirklich gelebten Maß an Menschlichkeit. Eine große Herausforderung!

Dr. Chris Gordon, London

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