TOPAZ 1. Ausgabe 2001
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Stress besser bewältigen

von David Gommé

Stress* gilt heute, im 21. Jahrhundert, als die zweithäufigste Todesursache. In diesem Artikel vermittelt David Gommé, Anti-Stress-Coach für Führungskräfte, Erkenntnisse über die Entstehung von Stressfaktoren in unserem Alltagsleben. Denn egal, wie und wo wir im Leben stehen: Stress macht uns immer mehr zu schaffen.

Ein Workshop zur besseren Stressbewältigung im Westerwald * Anmerkung: In diesem Artikel ist ausschließlich von krankmachendem Stress (Disstress) die Rede, nicht vom lebensnotwendigen, gesunderhaltenden Stress (Eustress).

Während der letzten Jahre hatte ich oft Gelegenheit, mit führenden Stressforschern zusammenzutreffen. Als einer von ihnen kürzlich davon hörte, dass Stress heute nach den Herzerkrankungen als zweithäufigste Todesursache angesehen wird, war sein Kommentar: "Wie viele Herzerkrankungen werden wohl durch Stress verursacht?"

Wie wir dieses Syndrom, das wir als Stress bezeichnen, auch einordnen: es ist ein Hauptfaktor in unserem Leben geworden. Menschen, die mit einer Flut von Informationen und den immer schneller und umfangreicher werdenden Kommunikationsmedien konfrontiert werden, macht Stress besonders zu schaffen. Und auch bei Kindern werden inzwischen typische Stressfaktoren beobachtet, vom frühen Kindesalter an.

Wie erkennt man, dass man unter Stress leidet?

Stress kann geringfügig und tolerierbar sein, er kann sich aber auch bis zur Gesundheitsgefährdung und Unerträglichkeit steigern. Allen Stressformen ist gemeinsam, dass sie immer mit dem Aufbau von Druck beginnen. Wer kennt das nicht? Da gibt es Termin- und Zeitdruck, Leistungsdruck, Entscheidungsdruck, den Druck zu lernen und zu verstehen, Anforderungen gerecht zu werden, und vieles mehr.

Folgendes Beispiel verdeutlicht den Mechanismus: Jemand in finanziellen Engpässen wird durch eine unerwartet hohe Rechnung zusätzlich unter Druck gesetzt. Um das notwendige Geld aufzubringen, nimmt er einen Kredit auf. Um den Kredit abbezahlen zu können, muss er zusätzlich arbeiten. Dies beschneidet seine freie Zeit. Leistungs- und Zeitdruck werden größer, die Folge sind schlaflose Nächte. Es beginnt ein Teufelskreis, der immer stärker an den inneren Kräften zehrt.
Stress besser bewältigen An diesem Beispiel kann man sehen, wie wachsende Anforderungen von außen eine Person dazu nötigen, Anstrengungen zu unternehmen, die über das gewöhnliche Maß und die persönliche Toleranzgrenze hinausgehen.
Wenn diese überschritten wird, baut sich Stress auf. Dann wirkt jeder weitere Druckfaktor wie ein zusätzlicher Tropfen auf das ohnehin schon überlaufende Fass. So wird bei der Person in unserem Beispiel jede weitere finanzielle Belastung, und sei sie noch so klein, zu unverhältnismäßigen Stressreaktionen führen, z.B. zu nervösen Verspannungen, ärger oder ständiger Gereiztheit. ärger und Gereiztheit sind dabei besonders gefährlich, da diese Gefühlsausbrüche uns unserer emotionalen Energie berauben und Erschöpfungszustände hervorrufen.

Neben Druck ist nervliche überreizung durch die überflutung mit Sinnesreizen Hauptfaktor für die Stressentstehung. Wenn das Nervensystem dem Ansturm der Reize und Informationen nicht gewachsen ist, kann dies zum sogenannten Burn-Out-Syndrom führen.

Betrachten wir hier zur Veranschaulichung die Informationslawine, die jeden Tag auf Führungskräfte in Unternehmen zurollt. In der Geschäftswelt ist sie in den letzten 10 Jahren exponentiell um mehr als das Zehnfache angestiegen! Geht ein Manager ein paar Tage in Urlaub, findet er danach 300 E-Mails vor. Alle wollen beantwortet werden - und zwar schnell! Der langsame Postweg, wie er noch vor 10 Jahren beschritten wurde, ist längst zur Datenschnellstraße umgebaut worden, ohne Tempolimit. Hat unser Manager seine E-Mails beantwortet, steht er vor der Aufgabe, die Produkte seiner Firma konkurrenzfähig zu halten und neue Angebote zu entwickeln. Ist er nicht schnell genug, dann hat der potenzielle Kunde schon längst das Internet durchforstet und bessere Angebote bei der Konkurrenz gefunden. Und so muss unsere Führungskraft auch ständig die neuesten Marktentwicklungen per Internet verfolgen und diese Informationen ebenfalls verarbeiten, um seinen Job nicht zu verlieren.

Informationsflut im Regal Informationsflut überfällt die Hausfrau im Supermarkt, vorm Waschmittel- oder Kosmetikaregal: Inhaltsstoffe, Anwendungshinweise, Preisvergleiche,... dies ermüdet Millionen.

Vergleichbar ist dies mit Materialermüdungserscheinungen bei Flugzeugen, wo Materialien hoher Belastung ausgesetzt sind. Irgendwann beginnen die Strukturen der Werkstoffe aufzubrechen, und dies geschieht gewissermassen auch mit den Millionen von Nervenzellen und -strukturen in unserem Gehirn und anderen Körperteilen. Das ist dann der Zeitpunkt, wo wir über körperliche Störungen zu klagen beginnen, erst über geringfügige, später über chronische und schwerwiegende Störungen, die verschiedene Organe betreffen können, zum Beispiel die Verdauungsorgane, das Herz-Kreislauf-System, die Leber und vieles mehr. Die Liste ist lang und beinhaltet Störungen bis in Zellbereiche des Körpers hinein.

Was können wir tun? Wie weit lässt sich Stress vermeiden? Kann man Stress überhaupt vermeiden?

Am Anfang steht die Einsicht, dass Stress sich aufbaut, wenn der Mensch nicht auf seine natürlichen Fähigkeiten zurückgreift.

Dies ist ein entscheidender Punkt im Umgang mit Stress und er erfordert nähere Betrachtung. Was ist mit „natürlichen Fähigkeiten" des Menschen gemeint? Sehen wir uns einmal die natürlichen Qualitäten an, die jeder Mensch besitzt. Nehmen wir z.B. die natürliche Intelligenz. Hier kann man verschiedene Arten unterscheiden, z.B. emotionale Intelligenz oder kognitive Intelligenz. Da jeder Mensch einzigartig ist, jeder Mensch einen einzigartigen Fingerabdruck und einzigartige geistige Muster hat, ist er mit einer besonderen, nur ihm eigenen Kombination von Qualitäten ausgestattet. Der eine ist z.B. eher von visionärer, ideenbeseelter Natur, der andere eher praktisch veranlagt und tatendurstig - jeder ist auf seine Weise kreativ.

Zehnspurig statt verstopfter Landstraße Wir müssen also damit beginnen, uns klarzumachen, dass Menschen über ein Potenzial an inneren Qualitäten und damit Fähigkeiten verfügen, das weitaus größer ist, als wir ahnen.
Wir müssen Wege finden, auch anderen zu zeigen, dass dieses Potenzial in ihnen steckt. Dies tun wir, indem wir die bereits sichtbaren Qualitäten in ihnen bestätigen und bestärken; darüber hinaus zeigen wir ihnen, wie sie Zugang zu ihren noch nicht entdeckten und entwickelten Potenzialen finden. Neue Trainingsmethoden, die zur Zeit entwickelt werden, beweisen, dass dieser Ansatz mit erstaunlichem Erfolg in die Tat umgesetzt werden kann. Wenn wir lernen, Stress durch das Entwickeln unserer natürlichen, vielseitigen Fähigkeiten zu bewältigen, entspricht dies einer zehnspurigen Autobahn als Alternative zu einer verstopften, einspurigen Landstraße. Können wir Stress ganz vermeiden? Nun, die Antwort heißt nein, aber er kann auf ein erträgliches Maß reduziert werden.

Wenn Sie Ihren Stress reduzieren wollen probieren Sie doch einmal Folgendes aus: Denken Sie darüber nach, was Sie zur Zeit in Ihrem Leben vermissen, z.B. Wärme, Geduld oder Pünktlichkeit. üben Sie sich dann darin - eine Woche oder auch länger - diese Qualität ehrlich gegenüber anderen Mitmenschen zu zeigen und auszudrücken. Verlassen Sie Ihre gewohnten Wege, und Sie werden etwas mehr Einsicht darüber gewinnen, warum es auf der Welt so viel Stress gibt.

David Gommé arbeitet als Unternehmensberater und Management-Trainer und lebt in den Niederlanden.

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